Warum sich die High-End-Schmiede Burmester sehr viel Zeit nimmt
Musik ist heute überall. Doch in Sachen Klangqualität ist bei Smartphones und Laptops meist Luft nach oben. Erst recht aus Sicht eines Klangpuristen wie Andreas Henke. Seit Anfang 2017 steuert der 46-Jährige das operative Geschäft von Burmester Audiosysteme. Viele Menschen schätzen mobile und kompakte Alleskönner. Die rein analogen Verstärker und Lautsprecher aus Schöneberg sind das genaue Gegenteil. Und gerade deswegen so gefragt. Nahezu klösterliche Stille empfängt Besucher in dem unscheinbaren Flachbau im Gewerbegebiet am Südkreuz. Das entspannte Ambiente passt zur Philosophie der High-End-Schmiede, die sich Nachhaltigkeit und Bodenständigkeit auf die Fahnen geschrieben hat.
Fast wie live
Seit dem Jahr 1977 stellt Burmester High-End-Geräte der Premium- Kategorie her. „Jede einzelne Komponente ist auf das Ziel des absoluten Klanges hin entwickelt worden und verspricht ein außergewöhnliches musikalisches Erlebnis“, heißt es in einer Selbstauskunft. Es geht darum, den Eindruck zu erwecken, man würde einem Livekonzert beiwohnen. Angefangen hat alles mit dem Vorverstärker 777. Ein Nachbau ziert bis heute das Foyer vor den Fertigungsräumen. Entwickelt hat ihn Firmengründer Dieter Burmester (1946-2015).
Der Profimusiker und Verfechter des reinen Klangs fand auf dem Markt keinen geeigneten Ersatz für seinen kaputten Vorverstärker, der dazu dient, Eingangssignale aus verschiedenen Quellen so anzupassen, dass der eigentliche Verstärker optimal arbeiten kann. Also machte sich der gelernte Ingenieur selbst an die Arbeit. So begann die Geschichte einer Firma, deren Kundenstamm sich über den ganzen Erdball verteilt. Dazu zählt etwa der Dirigent Kent Nagano. Der 777 wurde zu einem unerwarteten Erfolg. Auch nachfolgende Modelle im schlichten Chromedesign verkauften sich bestens. Später kamen Lautsprecher und Komplettsysteme sowie Hifi-Anlagen für Autos hinzu.
Organischer Prozess
Henke, der die Geschäfte gemeinsam mit Dieter Burmesters Witwe Marianne führt, legt bei der Herstellung zwar nicht selbst an. Der studierte Volkswirt betont jedoch, dass sämtliche Geräte bis heute am rund 100 Mitarbeiter zählenden Standort in der Wilhelm-Kabus-Straße entwickelt und von Hand gefertigt werden. „Uns geht es nicht um hohe Stückzahlen, sondern um einen organischen Produktionsprozess“, sagt Henke. Jährlich würden gerade einmal gut 1.000 Einzelgeräte und 200 Anlagen gefertigt. Die handwerklich gehaltene Produktion braucht ihre Zeit. Ein Verstärker kommt auf rund 4.000 Bauteile und 700 Arbeitsstunden. Etliche Arbeitsschritte sind zu erledigen: Platinen werden von Hand bestückt und Kabelstränge mit der Zange verbunden. Lautsprecherchassis werden vor dem Einbau sieben Tage lang eingespielt, Tieftöner sogar zwei Wochen lang. Für Henke steht ein Ziel im Mittelpunkt: „Unsere Geräte sollen Musik nicht interpretieren, sondern so wiedergeben, wie es sich deren Schöpfer gedacht haben.“ Und dabei zählen am Ende keine Messwerte, sondern allein das Ohr.
Datum 5. April 2019, Text: Nils Michaelie, Bild: Stefan Bartylla