Berlin (dpa/bb) – Regisseur Wim Wenders (80) hat einen Filmmarathon vor sich. Als Jurypräsident der Berlinale entscheidet er mit anderen Filmschaffenden, wer in diesem Jahr den Goldenen Bären bekommt. Vor Festivalbeginn am Donnerstag (12. Februar) hat er schriftlich Fragen beantwortet – wo zum Beispiel findet man ihn im Kino? Hier sind die Antworten.
Frage: Herr Wenders, sitzen Sie im Kino wirklich am liebsten in der zweiten Reihe? Da muss einem doch schwindlig werden.
Antwort: Das ist ja gerade meine Hoffnung: dass der Film mich umhaut oder mich «schwindelig spielt», in der Fußballersprache. Aber ehrlich: Da vorne hat man die beste Sicht und der Film füllt das ganze Gesichtsfeld. Ich mag nicht ein Meer von Leuten vor mir sehen, ich will das Filmbild sehen, so groß wie möglich.
Frage: Jetzt sind Sie Jurypräsident bei der Berlinale. Worauf freuen Sie sich am meisten?
Antwort: Erstens auf die Filme, zweitens auf die Jury, drittens auf unsere Gespräche und die Zeit zusammen. Ich hab‘ das ja mal in Cannes gemacht, vor 37 Jahren, und das war die beste Zeit, die ich je auf einem Filmfestival hatte. Unvergesslich.
Mit heißem Herzen auf den roten Teppich
Frage: Wie motiviert man internationale Filmstars, im Winter nach Berlin zu kommen?
Antwort: Mit Wärmflaschen? Mit dem Klimawandel? Ich weiß nicht, Gott sei Dank muss ich das ja nicht machen.
Frage: Wie sieht man in der Kälte auf dem roten Teppich gut aus?
Antwort: Mit einem heißen Herzen.
Frage: Was macht einen Film aus Ihrer Sicht preiswürdig?
Wenders: Dass ich entweder denke: «Den hätte ich auch gern gemacht!» oder «Den hätte ich nie machen können!»
Filmeschauen kann in Arbeit ausarten
Frage: Ist Filmeschauen manchmal auch Arbeit?
Antwort: Kann manchmal in Arbeit ausarten. Kann manchmal auch eine Qual sein. Kann aber oft Spaß machen. Und kann hin und wieder das Schönste auf der Welt sein. Und das hoffe ich jedes Mal, wenn das Licht ausgeht und der Film anfängt.
Frage: Wir leben in einer sehr politischen Zeit. Manche Konflikte spalten auch die Kulturwelt, das haben wir auch auf der Berlinale gesehen. Nervt Sie das manchmal?
Antwort: Klar. Weil es dann oft gar nicht mehr um den Film geht, sondern um eine politische Meinung. Aber keine noch so gute Meinung oder Absicht macht auch einen guten Film. Dieser Unterschied wird leider heute immer weniger gemacht! Dafür muss man bereit sein, differenziert zu sehen und zu denken.
Frage: Leonardo DiCaprio äußerte kürzlich die Sorge um die Zukunft des Kinos. Wie stehen Sie dazu?
Antwort: Leonardo ist da nicht allein. Das besorgt viele, aus den verschiedensten Gründen. Die Vorherrschaft der Streamer bringt irre viel «Produkte» auf den Markt, von denen sehr viele inzwischen mehr von Algorithmen bestimmt sein als von guten und originalen Geschichten. Und im Kino können sich viele gute (und womöglich «kleinere») Filme nicht mehr durchsetzen, weil sie die Zeit nicht mehr bekommen, ihr Publikum zu gewinnen und zu «Sleepern» zu werden. Für so was Altmodisches (oder Analoges) wie «Mundpropaganda» ist gar keine Zeit mehr…
Viele großartige Treffen auf der Berlinale erlebt
Frage: Muss ein guter Film auch auf dem Smartphone funktionieren?
Antwort: «Muss»? Ein guter Film «kann» das oft nicht. Der braucht die Weite der Leinwand und dass man sich in ihm verlieren kann. Wie soll man sich auf einem Smartphone in etwas versinken können?
Frage: Sie haben schon viele Berlinale-Jahre erlebt. Was sind Ihre prägendsten Erinnerungen?
Antwort: Viele großartige Treffen. Ich habe Satyajit Ray auf der Berlinale getroffen und mich wunderbar mit ihm unterhalten. Oder François Truffaut. Oder eine Rede auf Martin Scorsese halten dürfen, die mich vielleicht noch mehr bewegt hat als ihn. Oder es hat einmal einer eine Rede auf mich gehalten, Walter Salles, als ich den Ehrenbär für mein Lebenswerk erhalten habe. Und und und…
Frage: Was ist Ihr liebster Berlinale-Gewinnerfilm?
Antwort: «Body and Soul» von Ildikó Enyedi, 2017.
Frage: Und noch zum Abschluss: Wann haben Sie zuletzt im Kino geweint?
Antwort: Neulich habe ich «Hamnet» gesehen, von Chloé Zhao. Da habe ich ein paar Mal geflennt.
Zur Person:
Wim Wenders (80) zählt zu den großen deutschen Regisseuren. Von ihm sind Filme wie «Der Himmel über Berlin» mit Schauspieler Bruno Ganz, das Roadmovie «Paris, Texas», der Muskfilm «Buena Vista Social Club» und der Tanzfilm «Pina» über die Choreographin Pina Bausch.
Sein Film «Perfect Days», der zuletzt erschienen war, war auch für einen Oscar nominiert. Darin erzählt er von einem Mann, der als Reinigungskraft öffentliche Toiletten in Tokio putzt.
Wenders wurde im August 1945 in Düsseldorf geboren. Er studierte studiert Medizin und Philosophie, brach das Studium allerdings ab und ging nach Paris, um Maler zu werden. Doch dann wurde der Film seine Kunstform. Er studierte an der Hochschule für Film und Fernsehen (HFF) in München, verfilmte etwa Peter Handkes Roman «Die Angst des Tormanns beim Elfmeter» und wurde zu einem großen Namen des Neuen Deutschen Films.

