Berlin (dpa) – Hertha-Trainer Stefan Leitl rang nach dem nächsten gewonnenen Spitzenspiel in der zweiten Liga kurz mit der Fassung. Gerade war sein Wolfsburger Kollege Tobias Strobl gefragt worden, ob man den Berlinern schon zum Aufstieg gratulieren müsse. «Ich glaube, wenn ich Stefan jetzt gratuliere, kriege ich nach der Pressekonferenz mit ihm Probleme», deutete Strobl den kurz entgleisten Gesichtsausdruck von Leitl wohl richtig. Schließlich ist gerade mal der 11. Spieltag vorbei.
Doch in der Hauptstadt wird weiterhin der Fan-Ohrwurm «Einhundert Punkte, Hertha BSC» nach der Melodie des Hits «Sieben Tage lang» (Was wollen wir trinken) gesungen. Denn erstaunlicherweise ist die Punktzahl für Hertha immer noch möglich. «Cooles Lied, läuft bei uns auch in der Kabine», sagte der Trainer vor der Partie bei Sky. «Es ist herausragend, was die Mannschaft leistet.»
Nach dem letzten Spiel der vergangenen Saison hatten die Hertha-Fans noch «Leitl raus» gerufen. Es folgte ein Sommer mit einem großen Ausverkauf der vermeintlichen Schlüsselspieler und dann der beste Zweitliga-Saisonstart seit 48 Jahren. Die Hertha hat nach dem 2:1 gegen den VfL schon zehn Punkte Vorsprung auf Rang drei. Wie hat der 49-Jährige diesen Umschwung geschafft?
Ein neuer Stil ist möglich
Fabian Reese, Michaël Cuisance und Kennet Eichhorn. Das sind nur einige der großen Namen, die die Berliner im Sommer verließen. Doch statt des befürchteten Absturzes dominiert Hertha die Liga. «Im Vorjahr war die defensive Spielphase klar, aber die Offensive wurde eher individuell gestaltet», sagt der Trainer dem «Spiegel». «Heute hält sich jeder an den Plan und ist überzeugt, dass wir den richtigen Weg gehen.»
Hertha presst hoch und aggressiv, gewinnt viele Bälle. Mit dem Ball wird das Tempo nicht mehr so oft verschleppt. Zielstrebig versuchen die Berliner zum Torerfolg zu kommen. «Ich habe mich eher im vergangenen Jahr
anpassen müssen und bin jetzt dorthin zurückgekommen, wie ich Fußball sehe und wie ich Fußball spielen lassen möchte», erklärte Leitl.
Die Gruppe funktioniert
Diese Art von Fußball ist nur möglich, wenn jeder für jeden arbeitet. Das Döner-Ritual nach gewonnenen Auswärtsspielen ist nur eines von vielen Anzeichen dafür, dass die Berliner in dieser Saison eine echte Einheit sind. Spieler wie Jón Dagur Thorsteinsson und Kevin Sessa, die im letzten Jahr wenig gefragt waren, sind auf einmal Leistungsträger. Die Neuzugänge Mads Pedersen und Oluwaseun Adewumi fügten sich ohne Probleme ein.
«Brutal. Also auch was die Mentalität angeht, ich sage es immer wieder. In der Mannschaft, da ist keiner, der fliegt, der abhebt», lobte Mittelfeldlenker Paul Seguin. «Ist einfach alles sehr stimmig gerade.» Mit jeder Woche wird die Brust breiter.
Leitl beweist sein Händchen
Gegen Kaiserslautern hielt der 49-Jährige an Stürmer Sebastian Grönning fest, der es ihm nach schweren Wochen mit zwei Toren dankte. Im Spiel gegen Wolfsburg setzte der Trainer auf Außenverteidiger Deyovaisio Zeefuik für Julian Eitschberger. Der 28-Jährige zeigte eine überragende Vorstellung. Mentalitätsspieler Zeefuik gewann viele Bälle, hielt Ex-Herthaner Fabian Reese über weite Strecken gut in Schach und erzielte auch noch selbst ein Tor. «Es ist echt schwer, Woche für Woche Entscheidungen auf diesen Positionen zu treffen», sagte Leitl über das Luxusproblem.
Die neue Stabilität
«Lass‘ laufen», gab Leitl vor dem Spiel gegen den VfL aus. Der Trainer strotzt vor Selbstbewusstsein, strahlt aber auch Ruhe aus, die sich auf sein Team überträgt. Die Kulisse von mehr als 70.000 Fans, das schnelle Gegentor nach der Pause, das verpasste 3:1: All das hätte Hertha in der Vorsaison wohl noch ins Wanken gebracht. Doch wie schon häufiger in den Vorwochen zogen die Berliner das knappe Spiel – mit etwas Schiri-Glück. «Wenn wir genauso weitermachen, wird das eine richtig geile Saison», sagte Adewumi.
