Ein Dessert-Schnappschuss für Instagram? Nicht alle Sterne-Restaurants sind begeistert, wenn Gäste das Handy zücken.
Ein Dessert-Schnappschuss für Instagram? Nicht alle Sterne-Restaurants sind begeistert, wenn Gäste das Handy zücken. Foto: Soeren Stache/dpa

Berlin/Potsdam (dpa) – Als Erstes wird das Smartphone gezückt, dann erst Messer und Gabel: In der #Foodstagram-Blase im Internet sind Fotos von aufwendig arrangiertem Essen beliebt und klickträchtig. Sei es Omas Hausmannskost auf Blümchen-Geschirr, die mühevoll selbstgebackene Torte im Regenbogen-Look oder erst recht die feinen Portiönchen in Sterne-Restaurants – da kann kaum ein Daumen dem Auslöser widerstehen.

Nicht alle Restaurants sind davon uneingeschränkt begeistert. Zum einen sind nicht alle Gäste professionelle Fotografen. Zum anderen könnten sich andere Gäste gestört fühlen oder ungewollt auf den Bildern im Internet landen.


Eigene Smartphone-Etikette bei Berliner Sterne-Restaurant

Das Berliner Sterne-Restaurant «Nobelhart & Schmutzig» hat sich deshalb eine eigene Etikette in Sachen Fotos am Tisch gegeben. Ein Gast wertete dies als striktes Handyverbot und cancelte öffentlichkeitswirksam auf Instagram seine Reservierung. Er fühle sich ungleich behandelt, da das Fotografieren der Speisen für Gäste nicht gestattet sei, für bekanntere Persönlichkeiten etwa aus der Foodblogger-Szene aber schon. «Das empfinde ich als ungleich und für mich persönlich auch irritierend», schrieb der verhinderte Besucher. 

Die Betreiber des «Nobelhart & Schmutzig» sahen sich veranlasst, auf den Beitrag zu reagieren: Man wolle «dazu inspirieren, das Telefon mal zur Seite zu legen, dich auf das Erlebnis bei uns einzulassen und ganz bei deiner Begleitung zu sein». Wenn niemand die Besorgnis habe, von jemandem fotografiert zu werden, könne man sich ganz anders entspannen. «Wir sind deswegen dankbar, wenn du dein Handy den Abend über in der Tasche lässt.»

Bei ihren Kolleginnen und Kollegen der deutschen Sterne-Küche kommt die Leitlinie des «Nobelhart & Schmutzig» unterschiedlich an.

Aus dem Drei-Sterne-«Rutz» heißt es: wichtiger Impuls für Diskussion

Beim einzigen Drei-Sterne-Restaurant der Hauptstadt etwa, dem «Rutz», versteht man die Aufregung nicht. Jedem Menschen stehe es frei, welche Restaurants er oder sie besuche, teilte Restaurantleiter Falco Mühlichen auf Anfrage mit. «Wenn diese Entscheidung auf unsere Kollegen vom Nobelhart & Schmutzig fällt, muss einem klar sein, dass man ein Restaurant mit einem ganz klaren Konzept besucht, das in vielen Bereichen vielleicht die extremste Policy vertritt.» 

Damit sei das Unternehmen seit Jahren erfolgreich unterwegs und stoße Impulse für Diskussionen zu wichtigen Themen an, betont Mühlichen weiter. Wenn man solche Entscheidungen als Affront empfinde, sei dies egoistisch und schade. «Denn die Situation hätte man bestimmt entspannter klären können, indem man das Restaurant einfach gefragt hätte, ob man fotografieren darf, anstatt die Situation mit einer solchen E-Mail „eskalieren“ zu lassen.»

Tim Raue schaut vor allem aufs Telefonieren – und das Klingeln

Eine spezielle Handy-Etikette im «Rutz» selbst gibt es demnach nicht. «Grundsätzlich dürfen sich alle Gäste in unserem Restaurant frei entfalten. Wer sein Smartphone nutzen möchte, statt den Abend zu genießen, kann dies gerne tun, solange die anderen Gäste dadurch nicht belästigt werden», teilt Mühlichen weiter mit. 

Etwas strenger handhaben es der Star-Koch Tim Raue und die Eigentümerin seines Zwei-Sterne-Restaurants, Marie-Anne Wild. «Wir legen großen Wert auf eine Atmosphäre, in der sich alle Gäste wohlfühlen», teilen sie mit. «Ein respektvoller Umgang mit dem Mobiltelefon trägt dazu wesentlich bei.» Die Etikette des Restaurants bezieht sich vor allem auf das Telefonieren. Die Gäste würden bei Bedarf gebeten, ihre Handys lautlos zu schalten.

Newcomer in der Sterne-Küche gibt sich entspannt bei Handyfotos

Gleichzeitig freuten sie sich sehr darüber, wenn Gäste die Gerichte fotografierten und in den sozialen Medien teilten. «Social Media ist heute ein wichtiges Kommunikationsmittel in der Gastronomie, und authentische Eindrücke von Gästen sind ein schöner Ausdruck von Wertschätzung», betonten Raue und Wild. Gleichzeitig achteten die Beschäftigten darauf, dass das Fotografieren die Gesamtatmosphäre nicht beeinträchtige. 

Von einem Newcomer im Sterne-Bereich, dem «Sawito» im brandenburgischen Falkensee, das erst im vergangenen Jahr einen Stern vom Feinschmecker-Führer «Guide Michelin» verliehen bekam, heißt es zur Handynutzung: «Wir sehen das recht entspannt – unsere Gäste sollen sich wohlfühlen und ihren Besuch so genießen, wie sie möchten», so Küchenchef Marco Wahl. Dazu gehöre für viele heute eben auch, Fotos zu machen und Eindrücke zu teilen.

Berühmte Gäste als wichtige Ausnahme von der lockeren Regel

Ähnlich äußern sich die Sterne-Restaurants «Alte Überfahrt» in Werder an der Havel und das «Kochzimmer» in Potsdam. Beide schätzen es, wenn das Smartphone liegen oder in der Tasche bleibt. Aber: «Wir vertrauen unseren Gästen, dass sie in einem geselligen Moment nicht mit dem Handy spielen», sagt Gastgeberin Bertine Spieß aus Werder. 

Postings mit Fotos in den Sozialen Medien seien ja auch eine gewisse Werbung für die Restaurants. Eine wichtige Ausnahme gibt es aber, heißt es aus dem «Kochzimmer»: «Wenn Personen und Gäste des öffentlichen Lebens im Fokus sind, machen wir Gäste darauf aufmerksam, die Privatsphäre zu wahren.»