
Berlin (dpa) – Kai Wegner spielt seit seiner Kindheit gerne Tennis. Auf einer seiner Webseiten präsentiert Berlins Regierender Bürgermeister stolz ein Foto, das zeigt, wie er auf dem Platz zu einem kraftvollen Return oder Vorhand-Schlag ansetzt. Ein einstündiges Tennismatch bringt den CDU-Politiker, der seit April 2023 im Roten Rathaus sitzt, nun aber in arge Bedrängnis. Und seine Partei acht Monate vor der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus in Nöte.
Die Partie mit seiner Lebensgefährtin, Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch (CDU), fand ausgerechnet am vergangenen Samstag statt. Jenem Tag also, als ein mutmaßlich von Linksextremisten begangener Brandanschlag auf wichtige Kabel mehrere Stadtteile im Berliner Südwesten lahmlegte. 45.000 Haushalte mit 100.000 Menschen saßen plötzlich ohne Strom da, Heizungen fielen bei Minusgraden aus, Internet und Handyempfang auch. Es brauchte fünf Tage, ehe wieder überall Strom floss.
Zu Hause eingeschlossen
Wegner lebt im westlichen Stadtbezirk Spandau in einiger Entfernung vom Krisengebiet, für das Berlin eine Großschadenslage ausrief und selbst Hilfe von der Bundeswehr anforderte. Gegen 6.00 Uhr nahm das Unheil seinen Lauf, Wegner wurde zu Hause kurz nach 8.00 Uhr beim Frühstück informiert. Dann, so schilderte er es einen Tag später, habe er den ganzen Tag über telefoniert, Hilfe organisiert, auch vom Bund. Er habe sich im Homeoffice «eingeschlossen», sagte er zu Journalisten.
Unerwähnt ließ er dabei sein Tennismatch von 13.00 bis 14.00 Uhr, was erst am Mittwoch herauskam. Er habe eine Pause gebraucht, mal den Kopf freikriegen wollen, verteidigte er sich. «Und das kann ich am besten beim Sport.» Vor Ort in den Vierteln ohne Strom ließ sich Wegner erst einen Tag nach Brandanschlag und Tennismatch blicken, als er am Sonntag unter anderem eine Notunterkunft und ein Krankenhaus besuchte. Auch das kreiden ihm Kritiker an.
Hypothek für Wahlkampf
Im Wahlkampf für die auch bundesweit wichtige Berlin-Wahl am 20. September lieferte Wegner eine Steilvorlage für die politische Konkurrenz. Die wirft ihm nicht nur vor, Menschen in Not im Stich gelassen und als Regierungschef versagt zu haben. Er habe die Öffentlichkeit über seine Aktivitäten am ersten Tag des Blackouts sogar belogen. Die AfD forderte seinen Rücktritt. Kleinlaut räumte der 53-Jährige mittlerweile ein, dass er rückblickend die Öffentlichkeit besser bereits am Wochenende über seine sportliche Pause informiert hätte.
Die Berliner Wiederholungswahl im Februar 2023 hatte Wegners CDU haushoch gewonnen und anschließend nach mehr als sechs Jahren rot-grün-roter Bündnisse eine Koalition mit der SPD gebildet. Der längste Stromausfall in Berlins Nachkriegsgeschichte bot für ihn die Chance, sich auch mit symbolhaften Bildern als kraftvoller Krisenmanager zu inszenieren wie etwa Kanzler Gerhard Schröder (SPD) 2002 beim Elbe-Hochwasser.
Chance verpasst?
Doch die hat er, glauben selbst Parteifreunde, womöglich verpasst. «Wegner war ein Stück weiter weg», fasst es der CDU-Kreisvorsitzende im Bezirk Steglitz-Zehlendorf, Stephan Standfuß, in Worte. Der vom Stromausfall betroffene gutbürgerliche Berliner Bezirk, in dem es schicke Villenviertel, viel Grün und Wasser gibt, war für die CDU bisher immer eine sichere Bank. Nach dem Stromausfall, bei dessen Bewältigung im übrigen keineswegs alles nur schlecht lief, könnte sich das ändern.
Nicht wenige glauben, dass Stammwähler sich Wegners Agieren merken und ihm am Wahltag die Quittung geben – selbst wenn sie Mitglied in einem der Tennisclubs im Bezirk sind. Gleichwohl stellte sich die CDU-Fraktion im Abgeordnetenhaus hinter Wegner. «In großer Geschlossenheit», wie Teilnehmer betonen. Personelle Alternativen für den Rathauschef, der gleichzeitig Parteivorsitzender ist und die Fäden in dieser Funktion fest in der Hand hat, dürften schwer zu finden sein.
«Lüge ist das Problem»
«Nicht der Tennisplatz ist bei Kai Wegner das Problem, sondern die öffentliche Lüge», meint der Chef des Instituts für Krisenforschung in Kiel, Frank Roselieb. Aus seiner Sicht wäre die Stromkrise nicht schneller bewältigt worden, wenn Wegner statt auf dem Tennisplatz im Krisenstab gewesen wäre. Aber: «Problematisch sind vor allem die Bilder im Kopf der Menschen.» Und Aussagen, die sich später als nicht richtig oder unvollständig erweisen.
Union im Bund blickt sorgenvoll auf Berlin
Das wissen auch Kanzler Friedrich Merz (CDU) und die Union im Bund. Sie erinnern sich noch gut an Momente wie jenen im Juli 2021, als Unionskanzlerkandidat Armin Laschet (CDU) im Hochwassergebiet in Nordrhein-Westfalen lachte. Zwei Monate später verloren CDU/CSU die Bundestagswahl. In diesem Jahr stehen fünf schwierige Landtagswahlen an. Gerade im Osten, wo die AfD stärker wird und die Linke Druck macht, wäre als Kontrast ein gutes Berlin-Ergebnis wichtig.
Wegners Krisenmanagement und seine öffentlichen Statements werden in der Union vor diesem Hintergrund als unterirdisch bewertet, wie zu hören ist. Und als tragisch wird gesehen, dass in der Debatte das Problem des Linksextremismus beziehungsweise Linksterrorismus in den Hintergrund gerate.
