Berlin (dpa/bb) – Fünf Finger streckt ein Bieter in die Höhe. «500 Euro?», scherzt Auktionatorin Shlomit Mizrachi. Im voll besetzten Auktionsraum in Berlin-Wilmersdorf ist es nicht immer leicht, die Gebote zuzuordnen. Besucher rufen durcheinander, Mizrachi spricht ohne Mikrofon. Einige Menschen müssen stehen. Trotzdem behält die Auktionatorin den Überblick.
Unter den Hammer kommen Fundsachen vom Flughafen BER. Der Katalog nennt 204 Positionen: Koffer, Kartons mit Kleidung, Schmuck, Handys, Kopfhörer und Laptops. Manche Geräte werden beim Bieten auf einem Bildschirm gezeigt. Wer hineinwill, muss klingeln: Ein schwarz gekleideter Mann öffnet die verschlossene Tür. Dabei ist die Versteigerung öffentlich.
Trotz der zahlreichen Bieter hält sich die Konkurrenz bei den Koffern in Grenzen. Nur wenige bieten für die vergessenen Gepäckstücke, die im Doppelpack im Schnitt für etwa 100 Euro weggehen. Früher habe Mizrachi häufiger Designerbekleidung und teure Schuhe gefunden. Heute stecke oft nur das Nötigste darin. «Es ist wirklich in den Koffern nur Wäsche», sagt sie. Uninteressant für die meisten Bieter.
Außerdem werde das Gepäck tendenziell kleiner. «Wir haben sehr viel mehr Rucksäcke und kleine Taschen als Koffer.» Für Mizrachi liegt das auch an den Kosten für Fluggepäck. «Die jungen Menschen, die fliegen nur mit Rucksack, weil das kostet nichts.»
Großes Interesse an Elektrogeräten
Mehr Interesse wecken die elektronischen Posten, besonders AirPods und einige Laptops stehen hoch im Kurs. Doch nicht jeder Posten findet gleich einen Abnehmer. Für einige der Angebote bietet keiner, für andere kommen die Bieter nur zögerlich mit ihren Geboten heraus.
Als jemand 300 Euro bietet, reagiert Mizrachi zunächst nicht. Der Preis ist ihr zu niedrig. Erst als 400 Euro im Raum stehen, geht es weiter. «Ihr wisst, wie es geht», sagt sie.
Neben den Kofferauktionen finden in Berlin auch andere ähnliche Formate statt. Die BVG versteigert regelmäßig Fundsachen aus ihren Bussen und Bahnen. Die S-Bahn führt Auktionen durch, bei denen sie abgestellte oder vergessene Fahrräder an den Höchstbietenden versteigert.
Schnäppchen durchaus möglich
Die Hürden zum Mitmachen sind meist relativ gering. Wer mitbieten möchte, muss sich lediglich eine Bieternummer im Büro abholen. Anschließend kann man die Gegenstände besichtigen und an der Auktion teilnehmen. Die Auktionen sind meist gut besucht, dennoch lassen sich Schnäppchen machen.
Auktionatorin Mizrachi arbeitet seit 26 Jahren im Auktionsgeschäft. Ihre Töchter helfen mit. «Wir haben sehr viele Wiederverkäufer, sehr viele Händler hier», sagt sie. Manche verkaufen ersteigerte Kleidung auf Flohmärkten weiter. Andere kaufen elektronische Geräte. Etwa Handys seien oft gesperrt und dienten als Ersatzteillager.
Professionelle Händler bestimmen Bietgeschehen
Für die Händler gehe es um das spätere Geschäft: Was kostet die Ware, was bringt sie später ein? «Er rechnet. Und er muss rechnen», sagt Mizrachi über einen ihrer Kunden. Privatpersonen kämen dagegen seltener, würden ihr aber mehr Spaß machen. «Sie rechnen nicht, was sie daran verdienen, sondern sie sind einfach für den Spaß hier und aus Neugier.»
Allerdings kommen die Hobby-Bieter Gäste nach Mizrachis Erfahrung meist nur wenige Male. «Die Neugier ist gestillt, wenn sie ein-, zweimal hier waren.» Für ihr Geschäft sind die Stammkunden wichtig. «Wir brauchen die», sagt Mizrachi über die Händler. An ihnen verdiene das Auktionshaus besser als an Privatleuten. Doch die Privatleute seien «lockerer».
Ein Fund ist ihr in Erinnerung geblieben: Vor etwa zehn Jahren waren Koffer von einer Messe am BER liegengeblieben – einer von der Erotikmesse Venus. «Dann können Sie sich vorstellen, was drinne war», sagt Mizrachi. «Auf jeden Fall keine Wäsche.»
