
Berlin (dpa) – «Auf der Rückfahrt nach Köln um 16.00 kam die Meldung über ADN. Exil.» So vermeldet Wolf Biermann seine Ausbürgerung aus der DDR am 16. November 1976 in seinem Tagebuch. Drei Tage zuvor war er in der Kölner Sporthalle vor 7000 Menschen aufgetreten und hatte dort das SED-Regime als «Cliquenwirtschaft» und «Diktatur einer Handvoll Politiker» geschmäht. «Die DDR braucht endlich – und wie! – Rosas rote Demokratie», sang er in Anspielung auf Arbeiterführerin Rosa Luxemburg.
Am 16. November beschloss das SED-Politbüro daraufhin seinen Rauswurf und ließ dies von der staatlichen Nachrichtenagentur ADN verkünden. Begründet wurde der Schritt mit «grober Verletzung der staatsbürgerlichen Pflichten». Biermann war zu diesem Zeitpunkt der wohl profilierteste Kritiker der DDR, wobei er sich selbst weiterhin als aufrechten Sozialisten betrachtet. Sein Tagebuch zeigt, dass ihn der Vorwurf, ein Verräter sozialistischer Werte zu sein, durchaus trifft.
«Das ist eine Lüge auf kurzen Beinen», wettert er. «Jeder, der meine Lieder und Gedichte kennt, besonders aber die Menschen, die 7000, die in der Sporthalle Köln mein 4 1/2 Stunden-Programm sahen, weiß, dass sie lügen. Unfreiwillige Wahrheit: Sie verwechseln ihre persönliche Macht mit dem Schicksal der DDR.»
Einzigartiges deutsch-deutsches Zeitpanorama
Biermann feiert am 15. November seinen 90. Geburtstag. Fast zeitgleich jährt sich seine Ausbürgerung zum 50. Mal. Zu diesem Anlass hat der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk nun erstmals Auszüge aus den Tagebüchern Biermanns herausgegeben. Der erste Band von 1961 bis 1990 erscheint am 7. Oktober im Penguin-Verlag. Titel: «Ihr löscht das Feuer mit Benzin. Tagebücher – Über Verbot, Ausbürgerung und Mauerfall».
Die Aufzeichnungen ergeben ein deutsch-deutsches Zeitpanorama, wie man es so bisher nicht kannte – aus zwei Gründen: Erstens ist Biermanns Biografie als «verbotene Stimme einer Epoche» (Max Frisch) singulär. Zweitens sind dies eben keine Memoiren, keine abgewogenen Bewertungen im Rückblick. Die Tagebücher sind ein ungefilterter Schwall an Eindrücken, Meinungen, Stimmungen, Gefühlsbekundungen in Echtzeit. Und gerade diese Unmittelbarkeit macht sie enorm interessant.
Mitunter kommentiert Biermann die politischen Tagesereignisse wie ein Late-Night-Moderator – an dem einen Tag scharfsinnig, an dem anderen nur zynisch. Als Bundeskanzler Willy Brandt 1974 über den Stasi-Spion Günter Guillaume stolpert, schreibt er: «Brandt ist k.o. Guillaume sitzt ein. Die linksliberalen Sozialdemokraten haben die Anerkennung der DDR ermöglicht, die lukrativen Ostverträge befördert, aber nun braucht der Osten wieder einen bösen Westen, damit das Feindbild nicht so diffus wird.» Auf die Ermordung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer durch die RAF reagiert er 1977 mit Sarkasmus: «Der Mord (…) erweist sich als förderliche Festigung für den Frieden unter den Klassen. Ausbeuter und Ausgebeutete liegen sich erschüttert in den Armen.»
Als Manfred Krug einem Dissidenten drei Zähne ausschlug
Erstaunlich scharf fallen aber auch die Urteile über Freunde und Mitstreiter aus. Besonders relevant ist hier das Verhältnis zu Robert Havemann, Chemie-Professor an der Berliner Humboldt-Universität und einer der einflussreichsten DDR-Dissidenten. Über ihn schreibt Biermann 1964: «Käme Robert zu politischer Macht, wäre es fürs Volk schlimmer als jetzt.» Havemann sei vielleicht doppelt so klug wie DDR-Staatschef Walter Ulbricht, «aber zugleich hundertmal so eitel und unduldsam». Zwei Monate später ätzt er: «Robert würde für eine Nacht mit einer scharfen Frau seine heiligsten Ideen verleugnen.»
Amüsant auch der Eintrag vom 28. April 1966 über eine ungewöhnliche Begegnung Havemanns mit dem später bundesweit berühmt gewordenen Schauspieler Manfred Krug: «Manfred Krug hat in der Dunkelheit einen Trabantfahrer, der ihn durch unverschämte Fahrweise geärgert hatte, gestoppt, die Tür des Trabanten aufgerissen und „einmal kurz mit dem Handrücken reingelangt“ – seitdem fehlen Robert Havemann drei Vorderzähne.»
1982 ließ SED-Chef Erich Honecker Biermann noch einmal kurzzeitig einreisen, um Havemann an seinem Sterbebett zu besuchen. Im Tagebuch äußert er sich dazu mit erstaunlicher Kälte. Demnach sagte er zu Havemann: «Hoffentlich stirbst du noch oft und noch lange Jahre, damit ich dich wieder besuchen kann.» Aber gedacht habe er dabei: «Ich will nicht wieder hin, zum Sterbenden nicht, zum Toten schon gar nicht.»
Ähnlich aufschlussreiche Passagen finden sich auch über andere Weggefährten, bei der Entschlüsselung hilft das umfangreiche Register. Einer der wenigen, der durchweg gut wegkommt, ist Udo Lindenberg. Wohltuend ist, dass der Verfasser auch schonungslos mit sich selbst umgeht: «Meine Karriere neigt sich gegen Null.» 1976 wacht er kurz vor dem folgenreichen Kölner Konzert schweißgebadet auf: «Die nackte wache Angst schüttelte mich vor meinen Auftritten. Angst wie seit langem nicht, vielleicht seit 1968 am Morgen des Einmarsches.»
In Prag schien Biermanns Traum wahr zu werden
1968 – das war das Jahr des Prager Frühlings gewesen. Experiment «Sozialismus mit menschlichem Antlitz». Sagen, schreiben und singen, was man will – hier schien Biermanns Traum von einer gerechten und zugleich freien Gesellschaft wahr zu werden. «Die neuen Männer in Prag, wenn sie dem Westen Fernseh-Interviews geben, haben ein wunderbares Lächeln», fällt ihm auf. Doch noch bevor sein Reiseantrag bewilligt wird, rollen schon sowjetische Panzer durch die Straßen. Biermanns Schlussfolgerung: «Die Niederwerfung der ČSSR-Revolution ist für die kommunistische Weltbewegung verheerender als die Aufdeckung der Stalin-Verbrechen.»
Deutlicher als bisher wird durch die Tagebücher, dass sich Biermann auch in anderer Hinsicht immer schon als Außenseiter gefühlt hat: Der Sohn des in Auschwitz ermordeten jüdischen Widerstandskämpfers Dagobert Biermann registriert Antisemitismus im Osten wie im Westen, aber er ist oft der Einzige, der dies wahrnimmt und darunter leidet. Ein Schlüsselsatz ist hier: «Ich muss jeden Tag an Auschwitz denken, weil die anderen so selten oder gar nicht daran denken.»
Am Tag nach dem Mauerfall glaubt er: «Ich hab 25 Jahre gesprochen, als die meisten schwiegen, jetzt kann ich endlich schweigen.» Daraus ist bekanntlich nichts geworden – auf die nächsten Ausgaben der Tagebücher darf man gespannt sein. Den jetzt herausgekommenen ersten Band wird Biermann am Publikums-Starttag (7. Oktober) der Frankfurter Buchmesse vorstellen – der Abend wird von der Messe, dem Penguin-Verlag und der Deutschen Presse-Agentur ausgerichtet. Karten sind noch zu haben.
