In Berlin startet am 17. September eine Workshop-Reihe im Sticken.
In Berlin startet am 17. September eine Workshop-Reihe im Sticken. Foto: Anja Sokolow/dpa

Berlin/Cottbus (dpa/bb) – Als geflüchtete Ukrainerinnen bei einem Treffen plötzlich begannen, traditionelle Lieder zu singen, wurde Estibaliz Sienra Iracheta klar, dass es um weit mehr geht als ums Sticken. «Das war ein berührender Moment», erinnert sich die aus Mexiko stammende Forscherin. Beeindruckt habe sie auch eine 73-jährige Ukrainerin, die damals regelmäßig mit ihrer zwölfjährigen Enkelin als Dolmetscherin extra aus Potsdam zu den Workshops in Berlin kam. Zwischen Nadel und Faden entstanden Freundschaften und Erinnerungen an die Heimat wurden geteilt.

Mehr als eine traditionelle Tracht

Mit traditionellen Stickmustern will die Kulturerbe-Forscherin der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg geflüchtete Ukrainerinnen miteinander vernetzen und kulturelles Erbe bewahren. 


Am 17. September startet in Berlin eine neue Reihe von Workshops rund um sogenannte Wyschywankas, bestickte Hemden und Blusen, die in der Ukraine und anderen Regionen Osteuropas getragen werden. Jeweils donnerstags im Zwei-Wochen-Rhythmus bis zum 10. Dezember wird gestickt, erzählt, ausprobiert. Einzelne Meisterstickerinnen werden bei einzelnen Sitzungen die Techniken ihrer Herkunftsregion vorstellen. 

Für viele Teilnehmerinnen sind die Kleidungsstücke weit mehr als traditionelle Tracht. In der Ukraine habe jede Region, teils sogar jedes Dorf, eigene Muster, Farben und Stichtechniken, erklärt Sienra Iracheta. «Für Menschen, die durch den Krieg aus genau diesen Regionen vertrieben wurden, wird das Kleidungsstück zu etwas anderem: zu einem tragbaren Beweis dafür, dass die Heimat nicht verloren ist, sondern nur verlagert.»

Selbst für Babys gibt es bestickte Hemdchen

«Wenn ich Menschen in Wyschywankas sehe, berührt das mein Herz. Es bedeutet, dass ich mich als Ukrainerin in Berlin sicher fühlen kann. Ich kann hier sein, wer ich bin», sagt Olesia Kovalenko, die bereits an Workshops teilgenommen hat. Sie stickt inzwischen fast täglich. Einige ihrer Arbeiten schickt sie in die Ukraine, dort werden sie unter anderem an ältere Menschen oder Familien mit Neugeborenen gespendet. Selbst für Babys gibt es die traditionellen Hemden.

«Die neue Workshop-Reihe ist nun Teil eines Forschungsprojekts», erklärt Sienra Iracheta bei der Auftaktveranstaltung in Berlin-Neukölln. Das Projekt verbindet praktische Handwerkskunst mit wissenschaftlicher Forschung. Die Teilnehmer lernen traditionelle Techniken und Motive kennen. Gleichzeitig untersucht Sienra Iracheta, wie kulturelle Traditionen Menschen in Flucht- und Krisensituationen stärken können. 

Die Idee sei im Laufe von Jahren entstanden, so die Forscherin. Sie habe sich lange mit der Frage beschäftigt, was mit handwerklichen Traditionen geschieht, wenn Menschen ihre Heimat verlassen müssen. Oft liege die internationale Aufmerksamkeit auf zerstörten Gebäuden, Museen oder archäologischen Stätten. «Ich habe mich immer gefragt, was mit all den textilen Traditionen passiert, ob diese auch verschwinden werden.»

Freundschaften und Alltagshilfe dank der Stickkurse

Nach Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine setzte sie ihre Forschung praktisch um. «Ich wollte Menschen einen geschützten Raum bieten, um textile Traditionen aus ihrem Heimatland zu erlernen und auch zu teilen», erinnert sie sich. In den Gruppen hätten Frauen mit völlig unterschiedlichen Erfahrungen zusammengefunden. Manche hätten zuvor noch nie eine Nadel in der Hand gehalten, andere hätten die Kunst des Stickens bereits als Kinder gelernt und nach Jahrzehnten wiederentdeckt.

Dass die Treffen weit über das Handwerk hinausgehen, zeigte sich schnell. Die Frauen unterstützten sich bei der Wohnungssuche, bei Behördengängen und bei der Jobsuche. «Das Verständnis und die Empathie ist viel größer, wenn alle eine ähnliche Erfahrung gemacht haben», sagt Sienra Iracheta.

Auch Kovalenko erinnert sich an die Workshops als Ort des Austauschs. «Man versteht, dass nicht nur ich dieses Problem habe.» Für sie selbst sei das Sticken eine Möglichkeit, zur Ruhe zu kommen. «Es ist wie Meditation. Wenn man es mit anderen Leuten macht, schafft das ein Gefühl von Frieden.»

«Sticken gehört zu unserer Identität»

Für Teilnehmerin Tetiana Polkovnikova ist das Handwerk eng mit der ukrainischen Identität verbunden. «Ich bleibe mit meinen Landsleuten und meinen Wurzeln in Verbindung», sagt sie. «Das Sticken gehört zur DNA der Menschen in der Ukraine.» Während Russland versuche, die ukrainische Kultur zu zerstören, werde durch die Stickkunst Geschichte und Identität bewahrt. «Sie ist ein materieller Beweis für uns und unsere Geschichte.»

Besonders emotional sei jedes Jahr der Wyschywanka-Tag im Mai, an dem Menschen weltweit die traditionelle Kleidung tragen: «Er zeigt mir, dass nicht nur ich die Stickereien schätze, sondern auch viele andere Menschen», sagt Olesia Kovalenko.

Den Abschluss des Projekts soll eine Ausstellung bilden. Geplant sind außerdem ein digitales Archiv und wissenschaftliche Veröffentlichungen. Langfristig möchte die Forscherin ähnliche Workshops auch in Cottbus und anderen Städten anbieten. «Am liebsten bundesweit», sagt sie. Denn die Erfahrungen der vergangenen Jahre hätten gezeigt, dass die Stickkunst weit mehr bewahren könne als traditionelle Muster: Sie stifte Gemeinschaft und ein Stück Heimat in der Fremde.