
Berlin (dpa) – Über einige Jahre hat der Transaktivist Paul Ninus Naujoks mehr Akzeptanz gegenüber Vielfalt und queeren Menschen verspürt. Bis hin zum Selbstbestimmungsgesetz, das etwa transgeschlechtlichen oder nicht-binären Menschen die Änderung des Geschlechtseintrags und der Vornamen erleichtert. Auch seien Menschen aufgeklärter geworden, habe er bei Straßenumfragen bemerkt. «Jetzt kippt es aber gerade», sagt Naujoks.
In der zweiteiligen Dokumentation «Feindbild Queer» berichtet er von Morddrohungen und Hass im Internet. «Das ist gang und gäbe.» Die beiden je 45 Minuten langen Folgen kann man ab sofort beim ZDF streamen (TV-Ausstrahlung am 28. September ab 20.15 Uhr auf ZDFinfo).
CSD-Anschlag mitten in der Endphase
Als der fast abgedrehte Film in der Schnittphase war, ereignete sich Ende Juli der islamistische Terroranschlag am Rande des Christopher Street Days (CSD) im Berliner Tiergarten. Damit bekam das Thema der Dokumentation eine neue, noch stärker politische Brisanz – und einen aktuellen Aufhänger.
Die Macher verknüpften das schon vorhandene Material mit neuen Aspekten, filmten etwa beim CSD in Hamburg einen «Die-in», bei dem sich Menschen für einige Zeit reglos – wie tot – auf den Boden legen. Auch die Debatte um Ex-Unionsfraktionschef Jens Spahn und die Leihmutterschaft hat es in die Doku geschafft. Die wirkt daher aktuell, aber auch etwas zusammengepuzzelt.
Prominente aus der queeren Community
Sowohl Fachleute als auch Betroffene kommen zu Wort, darunter Prominente wie der Schauspieler Pierre Sanoussi-Bliss und Handballer Lucas Krzikalla. «Tatort»-Darstellerin Ulrike Folkerts spricht aus dem Off. Kritische Stimmen kommen etwa aus Reihen der AfD oder von der Publizistin Birgit Kelle.
Der erste Teil der Dokumentation nimmt den Kampf für die Vielfalt in den Fokus. Der zweite Teil versucht die Frage zu ergründen, woher der Hass kommt.
«Den übelsten Rotz vor die Füße schmeißen»
Die queere Pastorin Ellen Radtke, die mit ihrer Frau Steffi queersensible Seelsorge anbietet, berichtet etwa von Hatespeech im Internet: «Das erleben wir eben auf Instagram und auf YouTube auch, dass uns da Menschen einfach wirklich den übelsten Rotz vor die Füße schmeißen.» Die beiden sprechen unter anderem auf dem YouTube-Kanal «Anders Amen» über queere Themen.
«Demokratie bedeutet ja nicht gnadenlose Herrschaft der Mehrheit über den Rest», sagt Ellen Radtke. Demokratie bedeute gemeinsame Herrschaft aller.
«Wir sind quasi auf Hilfe angewiesen, dadurch dass wir nur so wenig sind», sagt Paul Ninus Naujoks. Oft werde es aufgebauscht, als wäre die queere Community riesig mit vielen Menschen. «Vielleicht ist es die Superkraft, dass wir sowohl Männer als auch Frauen verstehen, die uns so groß macht.» Queere könnten als Brücke zwischen Männern und Frauen agieren, ganz im Sinne der Gesellschaft.
