Die Ehrenamtlichen in der Telefonseelsorge sind über Monate extra geschult für die Gespräche.
Die Ehrenamtlichen in der Telefonseelsorge sind über Monate extra geschult für die Gespräche. Foto: Soeren Stache/dpa

Potsdam (dpa) – Manchmal gleichen sie besten Freunden, vor denen man sich nicht schämt und alles Bedrückende rauslassen kann. Manchmal sind sie Assistenten, die dabei helfen, überwältigende Gedanken etwas zu sortieren. Ganz sicher sind sie oft fremde Retter in großer Not: Fast 8.000 Ehrenamtliche engagieren sich in Deutschland in der Telefonseelsorge. 

Sie heben dann den Hörer ab, wenn Menschen die Nummer der Seelsorge wählen – egal zu welcher Zeit, egal an welchem Tag. Oft geht es um Einsamkeit, um Probleme mit Eltern, Kindern, Freunden oder Nachbarn, um Trauer um einen geliebten Menschen oder um tief empfundene Ängste. Mehr um persönliche Krisen, weniger um die politische Weltlage.


«Für die Menschen, die man da am Telefon hat, kann eine halbe Stunde einen großen Unterschied machen», sagt eine Ehrenamtliche. «Jeder von uns kennt das wahrscheinlich, dass er auch schon mal herausfordernde Zeiten im Leben hatte und Hilfe brauchte.» Eine Stütze möchte sie sein und das Gefühl haben, wirklich etwas zu bewirken. Im November startet die 39-Jährige ihre Ausbildung zur Telefonseelsorgerin in Potsdam.

Tiefe Emotionen wie Ohnmacht kommen raus

Die angehende Seelsorgerin möchte anonym bleiben. Das ist wichtig für den Job; niemand soll wissen, wer da am anderen Ende der Leitung sitzt. Kein Bild, keine Bewertungen. Auch der Ort, von dem aus sie für die Telefonseelsorge sprechen wird, ist geheim. Dort sitzt die 39-Jährige jetzt neben einem Kollegen, der schon seit rund drei Jahren Anruferinnen und Anrufern in Not hilft.

«Ich finde es nicht schwer, mit jemandem in und durch eine Krise zu gehen», sagt der 55-Jährige. Im Gegenteil: Er erlebe es als wohltuende Öffnung in unserer sonst eher verschlossenen Gesellschaft. «Die tiefen Emotionen Ohnmacht, Hilflosigkeit oder Hoffnungslosigkeit kommen zu Hause in einem geschützten Raum.»

Für ihn sei die Telefonseelsorge eine Freude. Häufig setzten wir einfach einen Deckel auf unsere Verzweiflung und unsere Schwächen, bis die Notlage hoffentlich ein wenig besser geworden ist. «Es ist ein echter Mehrwert, wenn man die Krise nicht alleine durchsteht – wenn man wirklich damit arbeitet und einen Schritt weiter ist danach.»

In der dunklen Jahreszeit sind die Warteschlangen länger

In Potsdam verpflichten sich die beiden zu mindestens drei vierstündigen Telefonier-Slots im Monat. Es ist ein 24/7-Ehrenamt: «Der Bedarf ist riesig», sagt Koordinatorin Beate Müller. Die Telefonseelsorge-Stellen sind regional organisiert und schließen sich oft zusammen beim Beantworten der Anrufe. Trotzdem landen Hilfesuchende vielerorts in Warteschlangen, bevor sie jemanden am Apparat haben. «Deshalb suchen wir immer wieder Nachwuchs.»

Im vergangenen Jahr gingen bundesweit rund 1,3 Millionen Anrufe bei den Telefonseelsorgen ein. Hinzu kamen fast 100.000 Kontakte per Mail und Chat. Besonders in der dunklen Jahreszeit und vor Weihnachten steige die Nachfrage, heißt es aus Potsdam. Viele Menschen müssten dann länger in den Leitungen warten – und ihre Dankbarkeit sei deutlich zu hören, wenn sich jemand am anderen Ende melde.

Für die Ehrenamtlichen gibt es regelmäßige Gruppentreffen – hier können sie sich austauschen und selbst über Telefonate sprechen, die sie beschäftigen und begleiten.

Jede geweinte Träne liegt nicht mehr auf dem Herzen

Denn nicht selten wird es hochemotional am Telefon. Entscheidend sei aber der Umgang damit, sagt der 55-Jährige. «Jede Träne, die am Telefon gefallen ist, ist wertvoll, weil sie nicht mehr auf dem Herz liegt.» Oft geschehe etwas Heilsames, was die Situation im Moment entlaste. «Ich erkenne an, wie es ist.»

Wichtig sei auch, wie es nach dem Telefonat weitergeht – zum Beispiel die Frage: Was würde Ihnen jetzt guttun? Ein Bad nehmen, eine Runde spazieren gehen, sich einen Tee kochen oder vielleicht dem Partner von dem Gespräch erzählen.

Es geht den beiden Seelsorgern darum, Mut zu machen, sich auf den Weg zu begeben. Und wenn es ein Spaziergang zu einem wunderbaren Ort sei, der einem guttut oder mit dem man etwas verbindet – das sei gar nicht so trivial, wie es klinge. «Es geht darum, dass derjenige, der anruft, für sich eine Idee hat, wie kann ich diesen Tag jetzt weiterleben.» Manches Mal gibt es auch eine Adresse zu einer Anlaufstelle wie einer Trauerberatung.

Nach den Gesprächen schiebt er oft sein Rad nach Hause

Was die beiden selbst aus ihrem Ehrenamt ziehen? «Ich finde Achtsamkeit ganz wichtig, also wirklich das Besinnen auf das, was gerade da ist, und mich nicht in Negativspiralen zu verzetteln», sagt die 39-Jährige. Von ihrer Telefonseelsorge-Ausbildung erwartet sie auch, dass sie ihr auch etwas Rüstzeug geben wird, wie sie souveräner mit Situationen umgehen kann, die ihr auch selbst passieren können.

Der 55-Jährige schätzt sehr, dass er immer neue Ansätze entdeckt, wie er auf seelische Ausnahmesituationen reagieren kann. «Jedes Mal bin ich ganz beglückt, wie viele verschiedene Perspektiven es gibt, die ich noch nicht kannte – und wo ich mir etwas mit rausnehmen kann und mein Eigenes erweitert wird.» 

Oft schiebt er nach dem Seelsorge-Dienst sein Fahrrad nach Hause statt zu fahren. Um noch etwas Luft zu schnappen und das Erlebte vorbeiziehen zu lassen.