Berlin (dpa) – Manche Bücher kommen nicht einfach zurück, sie steigen wieder auf – selbst aus einem längst versunkenen Staat. Gerti Tetzners literarische Wiederkehr begann vor ziemlich genau einem Jahr mit der gefeierten Neuauflage ihres Romans «Karen W.», der 1974 in der DDR erschien, dort ein Erfolg mit Zehntausenden verkauften Exemplaren war und lange vor der Wende auch im Westen mehrfach aufgelegt wurde.
Nicht weit vor Tetzners 90. Geburtstag im November setzt sich diese Wiederentdeckung fort: Mit «Gegen Wind», dessen Veröffentlichung die DDR-Staatssicherheit einst verhinderte (der damals geplante Titel: «Die Oase»), erscheint ein weiterer Roman aus ihren aktiven Jahren als Schriftstellerin.
Ein Kindergarten gegen das graue Einerlei
Die beschriebene «Oase» ist der leuchtende Kindergarten einer ostdeutschen Stadt in den frühen Achtzigern, grün umrankt, mitten in einer Wüste aus grauen Plattenbauten, «klobige Quader, wie für Durchreisende aufgestellt». Das äußere Bild vom Blühen und Gedeihen spiegelt sich auch im pädagogischen Innenleben: Die anpackende junge Erzieherin Kristina versucht, aus den Kindern kreative und selbstständige Individuen zu machen – in einem weithin von der DDR-Obrigkeit normierten Erziehungsmodell.
Ein treffendes Bild entwickelt die Autorin, als sie die Erzieherinnen im Entengang durch die Einrichtung marschieren lässt, um die Gestaltung aus der Augenhöhe der Kleinen wahrzunehmen. Später wird das sozialistische Mosaik im Treppenhaus kurzerhand überhängt mit Kinderzeichnungen seltsamer Sechsfüßer mit Schwalbenschwänzen oder Fischen, die einander an den Händen halten. Nach Kristinas Vorstellung sollen Kinder ihre Eigenart behalten.
Ein Roman, den die DDR nicht drucken wollte
«Die Oase» entsteht ab Mitte der 1970er Jahre. Die letzte Fassung schreibt die in Thüringen geborene Tetzner im Sommer 1981. Doch diese entspricht nicht den staatlichen Vorstellungen guter sozialistischer Literatur. Der Vorwurf: Es werde bürgerlicher Individualismus statt sozialistischer Gemeinschaft gefördert.
Die Autorin, die in den 1960er Jahren am Leipziger Literaturinstitut studiert und heute in Berlin lebt, hatte gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns aus der DDR 1976 protestiert. Ihre enge, jahrzehntelange Freundschaft mit Christa Wolf schützt sie damals nicht vor der Zensur.
Vom Mitteldeutschen Verlag, der «Karen W.» in der DDR gedruckt hatte, kommt nach der Lektüre von «Die Oase» eine brüske Absage. Nach dem Angebot des Luchterhand-Verlags, das Buch im Westen herauszubringen, habe ein Stasi-Mann bei ihr geklopft, erinnert sich die Autorin im aktuellen Vorwort: «Wenn ich die Geschichte ohne Genehmigung im Westen veröffentlichte, könnte ich gleich mitreisen», soll er gesagt haben. Doch dorthin will sie nicht. Das Manuskript landet in der Schublade. «Mich interessierte es nicht mehr.» Sie schreibt noch einige Kinderbücher, danach wird es publizistisch still um Tetzner.
Blick auf Kristina aus männlicher Perspektive
In «Gegen Wind» macht sie etwas, das bei Autorinnen selten vorkommt: Ihre Ich-Erzählinstanz ist ein Mann. Der einfach lebende Anstreicher Hinrich mit seiner zu hohen Stimme musste als Jugendlicher durch die Härten eines Leistungssport-Internats: «Man war ein Finger einer Hand, die zu einem Arm und Körper gehörte. Allein war man ein Stück amputiertes Fleisch.» Er steht für eine Generation, die durch staatliche Disziplinierung gebrochen wurde und seither allem misstraut, was von oben verordnet wird.
Kristina und ihrer Lebensart verfällt er Hals über Kopf («Sie war schön. Ich starrte sie an wie eine Erscheinung»). Auch die Menschen in ihrem Freundeskreis, deren Beziehungen untereinander im Vagen bleiben, wirken auf ihn zugleich anziehend und befremdlich. In ihrer kleinen Wohnung treffen sich die jungen Leute verschiedener Berufe, um gemeinsam und gleichberechtigt zu kochen und zusammenzusitzen. «Auf diesem Balkon konnte ich weder in erkennbarer Regellosigkeit noch in Regeln untertauchen», heißt es im Roman.
Hinrich und Kristina suchen Selbstbestimmung, doch dieser Drang nach einem Leben, das nicht vollständig verplant ist, stößt unweigerlich bei den vorgefertigten Eltern und behäbigen Behörden auf Argwohn. Kristina möchte sich nicht unterordnen und wird versetzt, ihre seelische Verstümmelung beginnt. «Es geht nicht weiter, wenn es so weitergeht», heißt es einmal.
Die Kraft des Unausgesprochenen
Im Zwiespalt zwischen den eigenen Ansprüchen und den Erwartungen der sozialistischen Gesellschaft steht Protagonistin Kristina in einer Reihe mit großen Frauenfiguren wie Christa T. (Christa Wolf) oder Franziska Linkerhand (Brigitte Reimann).
Tetzners erzählerisch präziser Ton bleibt nicht selten im Ungefähren. Ihre poetischen Sätze enden teils im Nirgendwo. Nicht alles wird abgerundet und ausgestaltet – und behält so seine Faszination. «Gegen Wind» ist ein Text über den stillen Widerstand gegen ein Leben, das der Staat bereits entworfen hat.
Und als Nächstes? Die Autorin arbeitet an ihrem dritten Roman. «Ich dachte, ich würde einen Roman schreiben über das, was sich öffnet, wenn man den Tod als Teil des Lebens akzeptiert», sagt die 89-Jährige in einem Gespräch mit dem Gießener Literaturprofessor Carsten Gansel. «Doch zu meiner Überraschung schreibe ich gerade eine Liebesgeschichte.»

