Immer wieder kommen  Menschen ans Brandenburger Tor, um der Opfer des islamistischen Anschlags zu gedenken.
Immer wieder kommen Menschen ans Brandenburger Tor, um der Opfer des islamistischen Anschlags zu gedenken. Foto: Christoph Soeder/dpa

Berlin (dpa/bb) – Gut eine Woche nach dem islamistischen Anschlag am Rand des Christopher Street Day sind in Berlin an vielen Stellen noch Trauer, Verunsicherung und Wut zu spüren. Am Pariser Platz stehen vor dem Brandenburger Tor nach wie vor viele Kerzen zwischen zahllosen Blumen. Immer wieder kommen Menschen dort zusammen, um der Opfer zu gedenken – und um ihre Gedanken und Gefühle mit anderen zu teilen. 

Auf dem Boden vor dem Berliner Wahrzeichen finden sich zwischen Kerzen und Blumen auch viele handgeschriebene Botschaften: «Ich bin fassungslos», steht auf einer Regenbogenfahne aus Papier. «Aber ich werde nicht aufhören, für Liebe, Vielfalt und Menschlichkeit einzustehen!»


«Wir bleiben bunt»

Auch am Ort des Anschlags, ein paar hundert Meter entfernt im Großen Tiergarten, liegen Blumen. «Liebe ist stärker als Angst. Wir bleiben bunt», hat jemand geschrieben. Für viele queere Menschen ist das die zentrale Botschaft nach dem Attentat: sich nicht unterkriegen zu lassen.

Für Sonntagabend hat der Verband Queere Vielfalt (LSVD) zu einer Mahnwache am Ort des Anschlags eingeladen: «Wir wollen der Opfer gedenken, den Betroffenen und ihren Angehörigen unsere Solidarität zeigen und als Community zusammenstehen.» 

Bei dem Terroranschlag am 25. Juli hatte der 21-jährige Attentäter im Tiergarten mit einem Auto mehrere Passanten angefahren, bevor er – vermutlich mit einer Machete – weitere Menschen angriff. Eine Frau starb, 31 Menschen wurden verletzt. Der Islamist wurde am Tag danach von Polizisten erschossen, als sie ihn in einer Kleingartenkolonie stellten.

Großbuchstaben auf der Bühne am Bebelplatz

Am Samstag, eine Woche nach dem Anschlag, war die Erinnerung daran bei einer Veranstaltung auf dem Bebelplatz unweit der Museumsinsel immer wieder ein Thema. Ihr Motto «Wir lassen uns nicht spalten» stand in großen Buchstaben am hinteren Rand der Bühne vor der Juristischen Fakultät der Humboldt-Universität. Gleich mehrfach kamen Rednerinnen und Redner darauf zurück. 

«Von Trauer zu Wut zu Widerstand» war auf einem Transparent zu lesen – auch das klang geradezu programmatisch. Der Queerbeauftragte des Berliner Senats, Alfonso Pantisano, wies darauf hin, dass viele noch Trauer empfinden: «Manche weinen, manche schweigen, manche schreien, andere singen, manche wollen reden, andere wollen einfach nur festgehalten werden», sagte er. 

«Trauer hat keine Kleiderordnung, Trauer hat auch keinen Stundenplan und Trauer hat auch kein Drehbuch.» Wer Trauer brauche, verdiene Respekt und Halt. «Trauer braucht einen Raum, in dem das Menschliche nicht vom Lärm derer übertönt wird, die sich schon ihre nächsten Feindbilder zurechtgelegt haben», sagte Pantisano. 

«Denn Terror will Angst säen. Er will, dass queere Menschen sich nicht mehr sicher fühlen, dass wir uns umsehen, bevor wir einander küssen, dass wir die Hand des Menschen, den wir lieben, auf offener Straße loslassen.» Er selbst schaffe es nicht, auf der Straße mit seinem Partner Hand in Hand zu laufen, ohne jedes Mal zuerst an die Angst zu denken. «Sie wollen, dass wir unsere Stimmen senken und irgendwann ganz verschwinden», sagte er. «Aber wir sollten ihnen diesen Gefallen nicht tun.»

Kevin Kühnert berichtet von seinen Erfahrungen 

Auch der frühere SPD-Generalsekretär Kevin Kühnert berichtete am Wochenende von ähnlichen Erfahrungen: «Ich halte in der Öffentlichkeit nicht die Hand meines Partners und rede mir standhaft ein, das sei einfach nicht mein Ding», so Kühnert in einem Gastbeitrag für die «Süddeutsche Zeitung». 

«Bevor ich ihn in der Öffentlichkeit küsse, scanne ich grundsätzlich die Umgebung – immer und überall», berichtete er. «Ich würde niemals als Paar erkennbar ein Volksfest oder einen vergleichbaren Ort besuchen, an dem noch dazu viel Alkohol konsumiert wird. Als schwules Paar erkennbar kommen für mich auch zahlreiche Urlaubsregionen nicht infrage», erklärte er. «Ja, viele im internationalen Raum. Aber ausdrücklich auch welche in Deutschland.»

Der in Berlin geborene Kühnert war mehrere Jahre Juso-Bundesvorsitzender und von 2021 bis 2023 SPD-Generalsekretär. Aus gesundheitlichen Gründen legte er sein Amt nieder und zog sich aus der aktiven Politik zurück. 

«Als schwuler Mann, Jahrgang 1989, wurde mir lange Zeit recht erfolgreich eingeredet, alle relevanten Kämpfe rund um meine Sexualität seien von den Generationen vor mir geführt und gewonnen worden.» Aber das sei nicht so.

«Anlässe wie der Angriff auf den Berliner CSD rufen mir immer wieder in Erinnerung, wie wir Schwule, Lesben und Queers jeglicher Couleur uns ein Leben mit Umleitungen gebaut haben», erklärte Kühnert in seinem Zeitungsbeitrag. «Oft unbewusste Umleitungen, die die uns bekannten Gefahren umgehen sollen.»