
Berlin (dpa/bb) – Berlins Amphibienbestände sind einem Bericht zufolge zu großen Teilen unmittelbar bedroht. Betroffen seien nicht nur seltene Arten, sondern auch bislang häufige Frösche, Kröten und Molche, heißt es im «Berliner Amphibienbericht 2026» der Stiftung Naturschutz Berlin für die Senatsverwaltung für Mobilität, Verkehr, Klimaschutz und Umwelt (SenMVKU). Die Situation sei «besorgniserregend», denn selbst die anpassungsstarken Arten Teichmolch, Teichfrosch und Erdkröte seien mittlerweile sehr selten geworden.
In Berlin wurden seit 2016 mehr als 700 für Amphibien geeignete Gewässer kartiert und etwa 13.000 Fundpunkte zu Amphibien dokumentiert. Für den Bericht wurden 14 Amphibienarten in 235 Populationen untersucht, etwa die Moorfrösche am Barssee in Grunewald und die Wechselkröte in den Falkenberger Rieselfeldern. Sie zeigen beispielhaft die Entwicklung: Zu Beginn der 1980er Jahre seien am Barssee noch kontinuierlich mehr als 2.000 erwachsene Tiere erfasst worden, Mitte der 1990er waren es noch zwischen 100 und 200 adulten Tieren, heißt es im Bericht. Zuletzt sei nur noch ein einziges Moorfroschmännchen nachgewiesen worden.
Für den Amphibienbericht wurden insbesondere die sogenannten FFH-relevanten Amphibienvorkommen untersucht, also unter besonderem Schutz der Europäischen Union stehende Arten. Berlin ist laut Bericht dazu verpflichtet, einen günstigen Erhaltungszustand herzustellen und zu bewahren. Die Populationen, also die Vorkommen, die Qualität des Lebensraums und die Beeinträchtigungen ergaben in der Auswertung einen Gesamterhaltungszustand, der in drei Stufen eingeteilt wurde: grün, gelb und rot.
Das Ergebnis: Von den untersuchten 235 Amphibienpopulationen – zum Beispiel Kammmolch, Rotbauchunke und Moorfrosch – erreicht keine einzige einen günstigen Gesamterhaltungszustand (grün). 72 Prozent der untersuchten Arten werden als «ungünstig-schlecht» (rot) bewertet, 28 Prozent als ungünstig-unzureichend (gelb).
Biotope unter Druck
Amphibien nehmen dem Bericht zufolge eine besondere Stellung im Ökosystem ein. Sie sind auf verbundene Wasser- und Landlebensräume angewiesen und reagieren teils sehr empfindlich auf Umweltveränderungen. Für den ökologischen Zustand von Lebensräumen gelten sie daher als Indikatoren – viele Berliner Biotope stehen also unter Druck.
Die größte Gefährdung seien die Zerstörung oder Beeinträchtigung von Fortpflanzungsgewässern, der Verlust von Landlebensräumen, etwa durch Bebauung oder ausbleibende Pflegemaßnahmen, Störungen des Wasserhaushaltes, etwa durch Grundwasserabsenkung oder Versiegelung sowie der Eintrag von Schadstoffen.
Außerdem kommen klimabedingte Veränderungen wie Trockenheit und Hitzewellen hinzu. Auch Straßen, Schächte und Entwässerungssystem stellen eine Gefährdung dar, ebenso wie invasive Arten wie Waschbär und Sumpfkrebs sowie eingeschleppte Krankheiten.
Amphibienschutz entscheidet sich nicht nur im Naturschutzgebiet
Auffällig sei, dass mehr als die Hälfte der dokumentierten Vorkommen außerhalb von Berliner Schutzgebieten liegen, heißt es im Amphibienbericht. Ein funktionaler Biotopverbund umfasse Stadtbrachen, Kleingärten, Friedhöfe und andere naturnahe Flächen – Amphibienschutz entscheidet sich also nicht nur im Naturschutzgebiet, sondern auch in im Stadtbild oft unscheinbaren kleinen Gewässern wie Tümpeln, Pfuhlen und Regenrückhaltebecken. Durch Trockenheit, Nährstoffeintrag und Fischbesatz sind sie aber mitunter nur eingeschränkt geeignet.
Zahlreiche Populationen seien am Rande der Belastungsgrenze, heißt es. Ohne gezielte Schutz- und Pflegeprogramme drohe in Kürze ein lokales Aussterben dieser Arten. Die Stiftung empfiehlt dringend, bedeutende Amphibienlebensräume zu definieren und zu priorisieren. Hilfsmaßnahmen müssten konzipiert und umgesetzt werden:
- die Pflege und Renaturierung bestehender Gewässer,
- die Anlage neuer Laichgewässer,
- den Erhalt und die Aufwertung von Landlebensräumen,
- Strategien zum Umgang mit invasiven Arten,
- weniger Gefahrenstellen in Wohngegenden, also Schutzmaßnahmen an Straßen, zum Beispiel durch Tunnel und Leiteinrichtungen, Bordsteinabsenkungen sowie Ausstiegshilfen an Ablaufschächten,
- weiteres Monitoring und
- die wissenschaftlich begleitete Wiederansiedlung gefährdeter Arten.
Berlin sei reich an Grün- und Freiflächen, heißt es im Amphibienbericht. Es gebe im urbanen Raum zahlreiche, teils sehr unterschiedliche Lebensräume mit mosaikartiger Ausprägung auf kleinerer Fläche, also eine Vielzahl geeigneter Lebensräume. Noch gebe es gute Chancen, die Vorkommen zu stabilisieren und zu stärken – allerdings bestehe akuter Handlungsbedarf.
