Berlin (dpa) – Nackte Haut schadet nicht, noch besser sind viel Fantasie und Mut beim Outfit. Der Besuch im legendären Berliner KitKat-Club, berühmt für Fetisch und sexuelle Freizügigkeit, soll etwas Besonderes sein, ein Abtauchen in eine andere Welt fern der Realität. So wollen es die Gründer und viele Besucher.
Und so präsentiert es auch die neue ARD-Dokumentation «One Night at KitKat» über den Club, in dem ansonsten Filmen und Fotografieren streng verboten sind (Streamingstart 30. September in der ARD-Mediathek; am 8. Oktober auf 3sat).
Nackt, halb nackt, Lack und Leder und Latex
Die Filmemacher, das iranische Regie-Ehepaar Mohsen Najafimehri und Diba Darbari, zeigen viel und lassen wenig aus: die große Techno-Party von Hunderten Tänzern auf zwei Dancefloors und in diversen Räumen. Zahlreiche junge und auch manche ältere Menschen in transparenten Dessous, knapper Unterwäsche, mit Lederhosen oder Ledergurten, in aufwendigen Kostümen, ganz nackt, halb nackt oder in Ganzkörperanzügen aus Lack oder Latex inklusive Masken.
«Der Reiz ist das Verruchte und vielleicht auch das Verbotene», sagt eine Besucherin über den KitKat-Club in Berlin-Mitte, zwischen Alexanderplatz und Oranienplatz in Kreuzberg. Knutschen und BDSM-Spiele mit Seilen, Fesseln und flüssigem Wachs sind ebenso zu sehen wie Sex im Halbdunkeln nahe der Tanzfläche.
Im Mittelpunkt von «One Night at KitKat», der ohne Kommentar aus dem Off auskommt, stehen aber Menschen, die etwas anderes suchen als nur Feiern, Drogen und Sex wie die meisten Partytouristen. Ein junges Paar erzählt von früheren Depressionen und der Angst vor dem eigenen Körper. Durch die Lust am Verkleiden und das Feiern unter weitgehend nackten Menschen mit allen Freiheiten sei die Freude am eigenen, nicht perfekten Körper zurückgekehrt.
«Ein ganz seltsames Gefühl von Heimat»
Eine Künstlerin aus Tel Aviv, die schon lange in Berlin lebt, berichtet von ihrem Leiden als unglücklicher Mann im falschen Körper und ihrer Wandlung zu einer Frau. Ihren ersten Besuch im «Kitty», wie manche Stammgäste sagen, erlebte sie als «magischen Moment» ihres Lebens: «Ich fühlte mich zu Hause, ein ganz seltsames Gefühl von Heimat.»
Der Film nähert sich dem immer mehr gewachsenen Club über die Türsteher, die Umkleide, die Garderobe, es folgen die Bars, der Pool, die Dancefloors und Kellerräume. Dabei hatte alles mal klein angefangen vor mehr als 30 Jahren in Kreuzberg, wie die Gründer Simon und Kirsten, erzählen.
Es war Anfang der 90er Jahre im wilden Berlin nach der Wiedervereinigung. «Wir haben versucht zu gucken, wie weit kann man gehen», sagt Simon, der damals einige Jahre als Aussteiger in Europa und Indien hinter sich hatte. «Man sollte schon alles ausprobieren, was es gibt, im bewussten Sinn natürlich und nicht im Konsum.»
Schlangen wie vor dem Berghain
Der Club sei ganz klein entstanden aus privaten Vorlieben für Sex, Freizügigkeit, Hedonismus. Schnell wurde das KitKat bekannt, es kamen neue Orte, immer größere Räume. Inzwischen werden im Keller auch Tangoabende geboten, am frühen Abend spielt am Pool ein Streichquartett klassische Musik, allerdings unbekleidet. Spezielle Sex-Events im Keller stehen auf dem Programm ebenso wie queere Nächte. «Weltweit einmalig», behauptet ein Besucher.
Das hat allerdings Folgen. Ebenso wie vor dem Berghain, Berlins weltbekanntem Techno-Tempel, stehen junge Touristen aus der ganzen Welt Schlange vor dem KitKat – nicht immer zur Freude früherer Clubbesucher.
Türsteher Roger aus den Niederlanden arbeitet seit zehn Jahren am Eingang. Er spricht die ganze Nacht mit neugierigen, aggressiven oder unsicheren Menschen. Manche schickt er wegen unpassender Kleidung weg, die anderen kommen hinein und sind erst mal erleichtert, dass sie es so weit geschafft haben.
Eine Domina, die als «Sexworkerin» vor allem BDSM-Praktiken anbietet, spricht von der «unfassbaren Freiheit» nach ihrem früheren Leben als Köchin. Den Club empfindet sie als Freiraum zum Ausleben von BDSM-Praktiken oder auch für Outfits und Accessoires wie Halsbänder oder Ketten. Früher sei sie oft angestarrt und belästigt worden, im KitKat sei das anders. «Es verschwimmt mit der Masse, da darf man mehr frei sein als in anderen Clubs.»
Doku spart Drogenthema aus – aber thematisiert Awareness-Teams
Von zwei Problemzonen im Nachtleben der Metropolen beleuchtet die Dokumentation nur eine. Ausgespart wird der heftige Drogenkonsum, der neben dem obligatorischen Alkohol in allen Berliner Clubs eine Rolle spielt. Auch im KitKat sind mit dem Fortschreiten der Nacht Kokain, Ecstasy und andere Aufputschmittel verbreitet.
Thema im Film sind dagegen sexuelle Belästigungen, die es auch im KitKat geben kann. Menschen, die aufpassten, hätten sie schon immer gehabt, sagt Gründer Simon. Nun habe man aber nach einem Skandal mit einem Übergriff und Medienberichten offizielle Awareness-Teams. Ein Teammitglied berichtet, viele junge Menschen seien dankbar dafür, «weil sie sich sicher fühlen».
Ein etwas älterer Mensch in Kostüm und Schminke widerspricht: «Ich finde das schrecklich, das ist für mich Kindergarten. Wenn ich nicht will, dass sich jemand mit mir beschäftigt, sage ich: Lass das mal bitte. Danke, auf Wiedersehen und fertig ist die Laube.»
Neben der ARD-Doku auch eine vom ZDF koproduzierte Kinodoku
Irgendwann ist die Nacht zu Ende, im Laufe des frühen Vormittags wird es auch im Kitkat leerer. Die Frau aus Tel Aviv sagt: «Der schwierigste Moment ist, am Morgen wieder rauszugehen, nach Hause. Weil sich niemand da draußen mit der richtigen Welt auseinandersetzen will.»
«One Night at KitKat» bei der ARD ist eingestuft für Menschen ab 16 Jahren.
Im Kino lief kürzlich bereits ein etwa 90 Minuten langer Dokumentarfilm ebenfalls über das KitKat mit dem Titel «Kinks of Berlin», der vom ZDF mitproduziert wurde.

