Immer wieder werden in Berlin und Brandenburg Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg gefunden.
Immer wieder werden in Berlin und Brandenburg Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg gefunden. Foto: Annette Riedl/dpa

Berlin (dpa/bb) – Unzählige unentdeckte Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg stecken noch im Boden der Hauptstadt – erneut müssen deshalb nun Tausende Menschen in Neukölln vorübergehend ihre Wohnungen verlassen. Im Neuköllner Schifffahrtskanal wurde am Vormittag eine dieser Fliegerbomben gefunden, wie die Polizei mitteilte. Noch im Laufe des Tages soll sie entschärft werden. Rund 5.600 Haushalte sind betroffen. Auch ein Seniorenwohnheim muss evakuiert werden.

Die Bombe war den Angaben der Polizei zufolge gegen 10.40 Uhr bei einer geplanten Suche nach Altlasten aus dem Weltkrieg auf dem Grund des Gewässers zwischen der Teupitzer und der Treptower Straße gefunden worden. Die belebte Sonnenallee ist nur wenige Querstraßen entfernt. 


Betroffen ist auch der Berliner Nahverkehr. Die Buslinien M43, 171 und 166 würden derzeit umgeleitet, teilten die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) mit. 

Notunterkunft für 200 Menschen 

Um den Fundort herum wurde ein 500 Meter großer Sperrkreis eingerichtet. Der Bezirk hat laut Polizeiangaben in der Adolf-Reichwein-Schule auf der Sonnenallee eine Notunterkunft eingerichtet. Dort gebe es Platz für 200 Menschen. 

Die meisten Menschen an den Absperrungen wirken erstaunt und wissen nicht genau, was sie tun sollen. Eine ältere Dame, die am Stock geht und einen kleinen Hund dabei hat, beschließt: «ich gehe jetzt erst mal spazieren. Danach muss ich weitersehen.»

Eine Familie fährt mit drei Kindern im Auto aus der abgesperrten Zone heraus, der Mann am Steuer kurbelt das Fenster runter und sagt: «Wir fahren zu Freunden nach Kreuzberg, zur Not können wir da auch übernachten.»

Polizei mit 200 Kräften im Einsatz

Die Evakuierung des Gebiets dürfte bis in den späten Abend hinein dauern, möglicherweise sogar bis in die Nacht. Dafür klingelten Beamte an den Türen. Auf beiden Seiten des Schifffahrtskanals waren Lautsprecherwagen unterwegs, um die Menschen zu informieren. Die Behörden warnten auch über das System Katwarn. 

Erfahrungsgemäß sei die Räumung bei einem Bombenfund der Teil, der am meisten Zeit in Anspruch nehme, sagte Polizeisprecher Martin Halweg. Die Einsatzkräfte müssten sicher gehen, dass sich niemand mehr in den Wohnungen aufhält. 

Polizei, Feuerwehr, das technische Hilfswerk und andere Organisationen sind mit einem Großaufgebot im Einsatz. Allein die Polizei ist eigenen Angaben zufolge mit rund 200 Kräften vor Ort. Im Sperrkreis gibt es eine Obdachlosenunterkunft, eine Kita und ein Seniorenwohnheim. Das Deutsche Rote Kreuz kümmert sich um die Evakuierung der Bewohnerinnen und Bewohner dort. 

Mehrere Bombenfunde jährlich

Der etwa 100 Kilogramm schwere Sprengsatz sei nach dem Fund an die Oberfläche gebracht und auf einem Ponton abgelegt worden, sagte Polizeisprecher Halweg. Später soll er den Angaben zufolge aufs Ufer gehoben werden. Geplant sei, die Bombe mit einer Hochdruckwasserschneidanlage zu entschärfen. «Die arbeitet mit einem Spezialsand, der den Zünder einfach herausschneidet», betonte der Sprecher.

Dass Bomben in Berlin gefunden werden, sei immer noch an der Tagesordnung, sagte Halweg. Mehrere Funde pro Jahr seien durchaus üblich. Auch im benachbarten Brandenburg werden immer wieder Blindgänger gefunden – zuletzt Mitte Juni in Potsdam. Damals waren rund 6.500 Menschen von der Evakuierung betroffen. Im dicht besiedelten Berlin haben Bombenfunde selbst bei kleineren Sperrkreisen oft große Auswirkungen für die Anwohnerinnen und Anwohner.