
Oranienburg (dpa/bb) – Fast 30 Schiffscontainer stapeln sich seit Monaten in Oranienburg an einer Fundstelle einer Weltkriegsbombe. Sie stellen eine Splitterschutzwand dar, um umliegende Häuser im Falle einer plötzlichen Detonation zu schützen. Die Menschen in Oranienburg nördlich von Berlin leben gewissermaßen auf einem gefährlichen Pulverfass. Die Stadt mit rund 50.000 Einwohnern gehört zu den am stärksten mit Kampfmitteln belasteten Städten in Deutschland.
Seit 1999 sind dort laut Innenministerium fast 240 große Bomben geräumt worden. Rund 80 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges vermuten Experten aber noch immer mehr als 200 Bomben unter der Stadt.
Die Räumung der Blindgänger, die teils tief im Grundwasser liegen, gilt als besonders aufwendig und erfordert spezielle Baumaßnahmen. Millionen Euro gibt die Stadt jedes Jahr dafür aus. Auch Bund und Land stellen Mittel bereit.
Warum ist Oranienburg besonders stark betroffen?
Während der NS-Diktatur waren dort wichtige Standorte der Rüstungsindustrie. Deshalb wurde die Stadt besonders häufig bombardiert.
Warum sind die Blindgänger so gefährlich?
Viele der Bomben verfügen über chemische Langzeitzünder. Deren Zustand verschlechtert sich mit der Zeit. Dadurch steigt die Gefahr, dass Bomben ohne äußere Einwirkung hoch gehen. «In Oranienburg muss jederzeit mit der Detonation eines Bombenblindgängers gerechnet werden», heißt es.
Wie wird nach den Bomben gesucht?
Große Teile des Stadtgebiets werden systematisch auf Kampfmittel untersucht. Die Suche und anschließende Räumung sind technisch aufwendig – insbesondere, weil Bomben meist tief im Boden liegen oder die Boden- und Grundwasserverhältnisse die Arbeiten erschweren.
Es werden spezielle technische Suchverfahren angewendet. So werden nach Bohrungen reflektierende Gegenstände etwa mit Radarwellen im Erdreich gemessen.
Eine andere Messmethode in der Kampfmittelräumung, die elektromagnetische Signale sendet, scannt den Boden in der Tiefe, um vergrabene Metallteile, ihre Form, Tiefe und Größe zu bestimmen. Harmloses Metall soll von Bomben unterschieden werden, ohne den Boden aufgraben zu müssen.
Wann wird die nächste Bombe entschärft?
Am 2. September ist eine Entschärfung an der Bachstelzenwiese im Ortsteil Lehnitz geplant. Die Vorarbeiten laufen seit Monaten. Die Splitterschutzwand aus großen Containern bleibt bestehen.
Spundwände – ineinandergreifende Stahlprofile – wurden bereits in den Boden eingebracht und bilden einen kastenförmigen Bereich rund um die etwa sechseinhalb Meter tiefliegende Bombe, wie die Stadt es schilderte. Grundwasser muss abgesenkt werden, um den Blindgänger sicher freilegen zu können.
Nach Untersuchungen vor einigen Tagen an einer anderen Stelle in Oranienburg hat sich herausgestellt, dass ein Metallgegenstand wieder eine Bombe ist. Deshalb mussten am Montag (10. August) um die 50 Menschen rasch ihre Häuser verlassen. Bis Mittwoch können sie voraussichtlich wieder in ihre Wohnungen, wie es hieß. Dann sollte die Schutzwand fertig sein. Einen Zeitplan für die eigentliche Entschärfung gibt es noch nicht.
Welche Einschränkungen gibt es?
Vor der Bomben-Entschärfung am 2. September muss bereits ab Mittwoch (12. August) laut Stadt im Zuge der Grundwasserabsenkung ein Havelaltarm für die Schifffahrt gesperrt werden.
Am Tag des Einsatzes der Kampfmittel-Spezialisten ist ein Sperrkreis mit einem Radius von rund 1.000 Metern rund um den Bomben-Fundort vorgesehen. Knapp 4.700 Personen leben nach Angaben der Stadt in dem Bereich. Eine Kita, Schulen und eine Senioreneinrichtung sind betroffen. Auch mit Einschränkungen im Bahnverkehr ist zu rechnen.
