
Berlin (dpa/bb) – Der Wechsel des Spitzenkandidaten bei der Berliner CDU macht den Wahlkampf für die Partei nach Einschätzung der Politikwissenschaftlerin Julia Reuschenbach nicht leichter. «Das ist natürlich eine Bürde für den Wahlkampf», sagte sie in einem RBB-«Spezial». Das Thema dominiere die Diskussion an den Wahlkampfständen.
Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner zog am Freitagnachmittag seine Spitzenkandidatur zurück und zog damit die Konsequenzen aus einer monatelangen Debatte um falsche Angaben über sein Krisenmanagement nach einem großen Stromausfall im Januar. Am Abend sprachen sich die CDU-Kreisvorsitzenden für Finanzsenator Stefan Evers als neuen Spitzenkandidaten aus.
Wahlkampf «völlig offen»
«Jetzt ist der Wahlkampf im Grunde völlig offen», so die Politikwissenschaftlerin, die auf die jüngsten Umfragen hinwies. «Alle Parteien gleichauf, niemand klar in Führung und keine populäre Figur in dem Sinne.» Kai Wegner sei zwar in der Stadt sehr bekannt gewesen. «Aber viele waren eben auch mit seiner Arbeit unzufrieden», sagte Reuschenbach. Bekanntheit bedeute nicht, auch überzeugend zu sein.
«Also im Grunde muss man sagen, ist alles offen.» Die Sommerferien seien allerdings die Zeit, in denen sich viele nicht mit Politik beschäftigten. «Und dann heißt es natürlich vor allem, ist Wahlkämpfen richtig schwierig, wenn man noch Bekanntheit erlangen muss.» Was sich bereits abzeichne, sei eine starke Polarisierung zwischen CDU und Linke. «Und das verspricht natürlich auch einen, ich würde sagen, in weiten Teilen wahrscheinlich unangenehmen, harten Wahlkampf», sagte Reuschenbach.
Falsche Angaben sind ein Zeichen mangelnder Verlässlichkeit
Zu Wegners Verhalten sagte sie: «Ich glaube, es ist nicht der Fehltritt an sich, dass man was macht, wie es nicht sein soll, und sich dafür womöglich auch entschuldigt, sondern Lügen und falsche Angaben deuten eben an, da fehlt es an Integrität, da fehlt es an Verlässlichkeit.»
Letztlich stellten sich die Menschen wie im Privatleben auch die Fragen: «Kann das dann nicht jedes Mal wieder passieren, wenn der uns auch weiterregiert, wenn wir vielleicht die nächste Krise erleben oder wenn irgendwas in Berlin los ist?» Das sei wie ein Erosionsprozess.
«Der hat im Januar eingesetzt, hat sich über andere Ereignisse fortgesetzt und irgendwann kann man das nicht mehr stoppen», so die Politikwissenschaftlerin. «Insofern würde ich sagen, kam das jetzt gerade noch rechtzeitig womöglich, aber vielleicht auch schon einen Moment zu spät.»
