Vor der Gedenktafel am Ehrengrab für Hatun Sürücü liegen Blumen.
Vor der Gedenktafel am Ehrengrab für Hatun Sürücü liegen Blumen. Foto: Soeren Stache/dpa

Berlin (dpa) – Blumen lehnen an dem Stein unter einem Baum auf dem Friedhof im Süden des Berliner Bezirks Spandau. «Stellvertretend für alle Frauen, die sich Zwang und Unterwerfung widersetzten, weil sie ein selbstbestimmtes Leben führen wollten und aufgrund dessen Opfer von Gewalt wurden», steht auf der angebrachten Tafel geschrieben. Die Inschrift erinnert an die Tötung der damals 23 Jahre alten Hatun Sürücü. Vor mehr als 21 Jahren wurde die Deutsch-Türkin von einem ihrer Brüder erschossen – weil es ihre Familie so wollte. 

Mit der neuen Grabstätte will der Bezirk Spandau dauerhaft an das Schicksal von Hatun Sürücü erinnern. Zu diesem Schritte hatte sich das Bezirksamt entschlossen, nachdem die reguläre Nutzungsdauer des alten Grabes von Hatun Sürücü nach 20 Jahren ausgelaufen war. Man wolle zeigen, dass das Bezirksamt gegen die Verfolgung von Frauen einsteht, sagte Bezirksstadtrat Thorsten Schatz (CDU) dem Radiosender RBB 88.8. Der Tod von Hatun Sürücü werde nicht vergessen und sei bis heute eine Mahnung.


Sohn bedankt sich für Engagement

Im Beisein von Berlins Regierendem Bürgermeister Kai Wegner (CDU), Spandaus Bürgermeister Frank Bewig (CDU) und der Berliner Frauenrechtlerin Seyran Ateş wurde der neue Gedenkort auf dem islamischen Teil des Landschaftsfriedhof Gatow feierlich gewürdigt. Zahlreiche Menschen kamen zu der bewegenden Gedenkfeier – auch der Sohn von Hatun Sürücü. Er bedankte sich bei allen Beteiligten, die sich für die neue Grabstätte eingesetzt haben. 

«Heute war ihr Sohn da, der ohne Mama aufwachsen musste, weil seine Mama ermordet wurde im Namen einer sogenannten Ehre – nur weil Hatun in Freiheit und selbst bestimmt leben wollte», sagte Berlins Regierungschef Wegner. 

Can Sürücü war fünf Jahre alt, als seine Mutter in Berlin ermordet wurde. «Ich bin stolz auf meine Mama», sagte er bei einer Veranstaltung im Roten Rathaus anlässlich des 21. Todestags seiner Mutter im Februar. 

«Ehrenmorde gesellschaftlich ächten»

Wegner bedankte sich beim Bezirk für die neue Grabstätte. Es sei ein Ort der Erinnerung und Mahnung zugleich, so der CDU-Politiker. «Ehrenmorde müssen gesellschaftlich geächtet werden. Wir müssen ganz klar sagen, dass so genannte Ehrenmorde nichts mit Ehre zu tun haben», so Wegner. «Dafür brauchen wir Orte, dafür brauchen wir Erinnerung. Aber wir müssen vor allem Verantwortung übernehmen für die Frauen.»

Vom Bruder erschossen

Hatun Sürücü war am 7. Februar 2005 im Alter von 23 Jahren an einer Bushaltestelle in Tempelhof von einem ihrer Brüder erschossen worden. Ihre Ermordung löste bundesweit Entsetzen und eine Diskussion um patriarchale Strukturen in muslimischen Einwandererfamilien aus.

Gegen den Willen ihrer Familie hatte Sürücü ihr Kopftuch abgelegt und einen Beruf gelernt. Ihr westlicher Lebensstil verletzte vermeintlich die Ehre der Familie. Nach mehr als neun Jahren Jugendhaft wurde der Täter in die Türkei abgeschoben. Ein Gericht in Istanbul sprach zwei Brüder vom Vorwurf der Mittäterschaft frei.