«Die meisten Künstler sind Facharbeiter, die von Bild zu Bild nur kleine Schritte gehen. Für mich ist Kunst Forschung, nicht Warenproduktion. Ich habe nie versucht, ein Markenzeichen zu entwickeln», sagte der Künstler Timm Ulrichs einmal. (Archivbild)
«Die meisten Künstler sind Facharbeiter, die von Bild zu Bild nur kleine Schritte gehen. Für mich ist Kunst Forschung, nicht Warenproduktion. Ich habe nie versucht, ein Markenzeichen zu entwickeln», sagte der Künstler Timm Ulrichs einmal. (Archivbild) Foto: picture alliance / dpa

Hannover (dpa) – Einst erklärte er sein Leben zur Kunst, heute gilt er als eine der bedeutendsten Figuren der zeitgenössischen Kunst: Timm Ulrichs. Er sei einer der «markantesten konzeptuellen Künstler der Nachkriegszeit, der eine ganze Generation prägte», teilte der Kunstverein Hannover mit. Mehr als ein halbes Jahrhundert habe er die Kunst «mit provokanten Arbeiten voller Entschlossenheit» geprägt, er sei «streitbar, scharfsinnig, hintergründig humorvoll und rigoros» gewesen. Am Mittwoch ist Ulrichs im Alter von 86 Jahren gestorben, wie seine Witwe dem Kunstverein bestätigte.

Er ließ seinen eigenen Grabstein meißeln

Auf sein rechtes Augenlid ließ Ulrichs Anfang der 1960er Jahre die Worte «The End» tätowieren – als Abspann für seinen Tod und gleichzeitig letzten Film. Er ließ seinen eigenen Grabstein meißeln und rannte nackt als «menschlicher Blitzableiter» mit einer fünf Meter langen Metallstange auf einem Feld herum. Aus Beton-Abgüssen seines eigenen Schädels schuf er ein «Kopfsteinpflaster».


Der Kunstverein urteilte, Timm Ulrichs sei einer der wenigen Pioniere gewesen, «der äußerst konsequent an die Kraft der Kunst glaubte, mit ihr rang und
sie händisch zu den Menschen brachte». Der emeritierte Professor der Kunstakademie Münster, der in Hannover und Berlin lebte, galt als ein Pionier der Konzeptkunst. Im Jahr 2020 erhielt der preisgekrönte Provokateur den Käthe-Kollwitz-Preis für bildende Künstlerinnen und Künstler.

1961 erklärte er sich selbst zum «ersten lebenden Kunstwerk»

Bereits früh suchte Ulrichs neue Wege, seine Kunst zu verbreiten und einem breiten Publikum zugänglich zu machen. 1959 gründete er die «Werbezentrale für Totalkunst, Banalismus und Extemporismus», über die er Plakate, Postkarten und andere Drucksachen vertrieb.

1961 erklärte er sich selbst zum «ersten lebenden Kunstwerk» und stellte sich in einem Glaskasten aus. Mit der massenhaften Verbreitung seiner Ideen habe Ulrichs wesentlich zur Demokratisierung und Entfetischisierung der Kunst beigetragen, hieß es vor einigen Jahren von den Ausstellungsmachern einer Retrospektive über den Bildhauer und Totalkünstler.

Möbus: «Denken in Arbeiten umgesetzt und Arbeiten ins Denken»

Die Bildhauerin und Objektkünstlerin Christiane Möbus, die Ulrichs über Jahrzehnte kannte, würdigte ihn als engen Weggefährten. Er habe «Denken in Arbeiten umgesetzt und Arbeiten ins Denken», sagte sie der Deutschen Presse-Agentur. Für sie sei er zudem «ein sehr zuverlässiger Freund» gewesen.

Eine einzelne herausragende Arbeit lasse sich kaum benennen, da Ulrichs viele prägende Werke geschaffen habe – von denen sich auch zahlreiche andere Künstler inspirieren ließen. Möbus bezeichnete ihn als «einen der Größten bei uns im Land» und verwies zugleich auf seine internationale Bedeutung.

Er zeigte Schild mit Aufschrift «Ich kann keine Kunst mehr sehen!»

Der gebürtige Berliner und im Oldenburger Land aufgewachsene Ulrichs blickte mit Humor und spöttischer Distanz auf die Welt und den Kunstbetrieb. Auf der Messe Art Cologne posierte er einst mit dunkler Brille, Blindenstock und einem Schild mit der Aufschrift «Ich kann keine Kunst mehr sehen!» um den Hals.

Schon 1970 beschäftigte er sich in seiner Krefelder Schau «Totalkunst» mit Physik und Astronomie, wie es heute bei vielen jüngeren Künstlern en vogue ist. «Seine Arbeiten bleiben gegenwärtig und stark. Da ist nichts von einer modischen Attitüde drin», sagte einmal seine langjährige Weggefährtin Möbus.

Ulrichs: «Für mich ist Kunst Forschung, nicht Warenproduktion»

Bei den Olympischen Spielen 1972 sorgte Ulrichs in einem vergitterten überdimensionalen Hamsterrad für Aufsehen. Gleichgültig, ob Film, Fotografie, Skulpturen oder Konkrete Poesie – der Vielleser («sechs bis sieben Stunden am Tag») ließ kaum ein Genre aus. «Die meisten Künstler sind Facharbeiter, die von Bild zu Bild nur kleine Schritte gehen. Für mich ist Kunst Forschung, nicht Warenproduktion. Ich habe nie versucht, ein Markenzeichen zu entwickeln», sagte er einmal.