
Potsdam (dpa/bb) – Tiere im Winterstress? Fettpolster und Futtervorräte helfen Wildtieren bei der Eiseskälte. Doch minus 10 Grad können auch gut angepasste Arten an Grenzen bringen. Wie es geht Tieren in Brandenburg – im Wald, im Wasser und in der Luft?
Jagdverband sorgt sich um Wild
Kälte und Eis können Rehe und Hirsche aus Sicht des Brandenburger Landesjagdverbandes gefährden. Geschäftsführer Kai Hamann schilderte, der Boden sei bedeckt mit gefrorenem Schnee, darunter und darüber gebe es Eisschichten. «Die Tiere brechen bei jedem Schritt ein», so Hamann. Der Untergrund sei messerscharf. Wildtiere wie Rehe und Hirsche könnten sich an den Beinen verletzen. Wildschweine müssten für die Nahrungssuche die gefrorene Schicht aufbrechen.
Wildtiere, die teils auch Winterspeck angelegt haben, passen ihren Stoffwechsel an und brauchen mehr Ruhe. Damit sie nicht von Waldspaziergängern aufgescheucht werden und dadurch Energie verbrauchen, appelliert der Jagdverband, im Wald leise zu sein und auf ausgewiesenen Wegen zu bleiben. Hunde sollen an der Leine bleiben, um Tiere nicht zu beunruhigen.
Wird «Notzeit» mit Fütterung von Wildtieren ausgerufen?
Wildtiere finden auch weniger Nahrung. In der Vergangenheit wurde bei extremem Wetter mitunter die sogenannte Notzeit ausgerufen. Jäger sind damit verpflichtet, auf eigene Kosten Futter im Wald bereitzustellen und für Ruhe für die Tiere zu sorgen, wie Hamann erklärte. «Grundsätzlich würde ich das jederzeit befürworten.» Entscheiden könnten dies nur die Landkreise. Er schätzt, eine Woche könnten die Tiere noch durchstehen. Dann sollte die Politik auf die Situation schauen, riet Hamann.
Fische unter Eis
Auch Fischer schlagen Alarm: Möglicher Sauerstoffmangel in Gewässern kann Fische gefährden. Der Sauerstoff im Wasser kommt nicht aus der Luft, sondern durch Photosynthese von Pflanzen, die in Seen und Flüssen wachsen, wie der Landesfischereiverband erklärte. Doch das dafür notwendige Licht fehlt, wenn Gewässer von Eis und Schnee überzogen sind. So könne es in einzelnen Fällen zu Sauerstoffmangel kommen, insbesondere bei kleineren Seen, sagte Verbands-Geschäftsführer Lars Dettmann.
Ärger mit Kormoranen
In zugefrorenen Gewässern haben Fische meist Ruhe vor ihren Fressfeinden, den Vögeln. Vor allem Kormorane machen Jagd auf sie. Lars Dettmann vom Landesfischereiverband schätzt die Zahl der Kormorane in Brandenburg auf etwa 1.500 Tiere – das sei noch kein Problem für den Fischbestand.
Im Winter zögen jedoch bis zu einer Million Kormorane aus Skandinavien in den Süden und machten sich auf die Suche nach Nahrung. Wenn nahezu alle Gewässer mit Eis überzogen seien, müssten die Fischjäger auf die wenigen offenen Wasserstellen ausweichen. «Wenn die da raus sind, ist da nicht mehr viel Fisch da», meinte Dettmann. Jüngst waren Hunderte Kormorane auf Nahrungssuche etwa an der Alten Fahrt in Potsdam zu beobachten. Forderungen nach einem Abschuss lösten Streit mit Artenschützern aus.
«Sicher wird es Tiere geben, die verhungern»
Der Naturschutzbund Nabu sieht Wildtiere wegen des Winters nicht in besonderer Gefahr. Manche Arten seien besser, andere schlechter an die Wetterlage angepasst, sagte der Brandenburger Landesvorsitzende Björn Ellner. «Sicher wird es Tiere geben, die verhungern.» Das sei ein normaler evolutionärer Prozess und eine Chance, den Wildbestand auf ein gesundes Maß zu reduzieren. Kraniche und Gänse beispielsweise fänden noch genug Nahrung auf Äckern mit Wintergetreide, sagte Ellner.
Reptilien und kleine Vögel haben es schwerer
Auch im Wildnisgebiet der Lieberoser Heide in der Niederlausitz sind die Tiere an tiefe Temperaturen angepasst. Aber Amphibien, Reptilien und kleine Vögel seien bei anhaltendem Frost besonderes gefährdet, teilte eine Sprecherin der Wildnisstiftung mit.
«Kleine Vögel verlieren bei Minusgraden schnell Energie und müssen einen Großteil des Tages mit Nahrungssuche verbringen.» Für Amphibien und Reptilien bestehe die Gefahr des Erfrierens, wenn sie keine ausreichend geschützten Rückzugsorte gefunden hätten. Bei anhaltender Kälte steige auch das Risiko von Erschöpfung und erhöhter Sterblichkeit.
Eingebautes «Frostschutzmittel» hilft Zitronenfaltern
Bei den Schmetterlingen zeigt sich der Zitronenfalter als besonderer Überlebenskünstler: Er überwintert ungeschützt an Zweigen hängend – dank des körpereigenen «Frostschutzmittels» Glycerin, das ihn vor dem Erfrieren bewahrt, wie der Verband Deutscher Naturparke mitteilte. So gehöre der Zitronenfalter oft zu den Schmetterlingen, die schon an den ersten milden Tagen des Frühjahrs ausfliegen. Andere Schmetterlinge und Käfer suchen Zuflucht in Kellern oder Dachböden.