Oberschöneweide: IHK und Bürgerplattform fordern umfassendes Konzept von Land und Bezirk.

Welchen Weg soll der aufstrebende Kreativ- und Gewerbestandort Oberschöneweide nehmen? Die BVV hat jetzt die Weichen für die Entwicklung der Rathenau-Hallen gestellt, doch ein Gesamtplan fehlt bislang.

Vom Ort der Fabriken wandelt sich Oberschöneweide zunehmend zur Hochburg von Kunst, Kultur und Kleingewerbe. Gerade in den Rathenau-Hallen hat sich eine lebendige Szene entwickelt. Und die soll auf dem Gelände auch künftig die Nase vorn haben. Nachdem Pläne eines Investors für neue Wohnungen unter den Nutzern für Unruhe gesorgt hatten, hat die Bezirksverordnetenversammlung (BVV) jetzt beschlossen, den Standort für Gewerbe, Dienstleistungen und ein Kongresszentrum zu sichern. Für das Bebauungsplangebiet 9-58 sollen Flächen für Kunst und Kultur festgeschrieben und das gesamte Areal vor der geplanten Neubebauung saniert werden. Wohnungsbau soll ermöglicht, der bisherigen Nutzung aber untergeordnet werden.

Pläne unzureichend

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In die Rathenau-Hallen ist neues Leben eingezogen.

Mit dem Beschluss beauftragte die Bezirksverordnetenversammlung das Bezirksamt, in den kommenden Bebauungsplan für die Rathenau-Hallen das dringliche Interesse, ausschließlich gewerbliche Entwicklungen in den Bestandsgebäuden zuzulassen und auf die Ausweisung eines Wohnanteils komplett zu verzichten, gleichberechtigt neben anderen Belangen in die Abwägung einzustellen. Die gegenwärtigen Planungen seien nicht geeignet, den bisherigen Entwicklungen gerecht zu werden, hieß es zur Begründung des Antrags, der auf einem Einwohnerantrag beruhte. Rund 70 dortige Firmen mit über 700 Mitarbeitern – mit steigender Tendenz – seien Beweis dafür, dass Oberschöneweide eine Zukunft als Gewerbestandort in allen Facetten habe. „Diese Erfolge drohen mit der geplanten Wohnbebauung verloren zu gehen“, so der Antragstext. „Wohnen und Gewerbe auf einem Gelände führen zu zahlreichen Nutzungskonflikten, die zur Verdrängung des Gewerbes führen können.“ Die Anwohnerinitiative, die den Einwohnerantrag gegen jegliche Wohnbebauung in die BVV eingebracht hatte, kritisierte das Zustandekommen der Entscheidung, sah darin aber auch einen Teilerfolg. 1.614 Unterschriften hatten der Unternehmerkreis Schöneweide, Schöneweider Künstler, der Industriesalon sowie die Bürgerplattform SO! MIT UNS Berlin-Südost gesammelt, um jeglichen Wohnungsneubau zu verhindern. Der Eigentümer – die ToRuRo GmbH – soll den Bau von Eigentumswohnungen auf einer Fläche von bis zu 50.000 Quadratmetern planen. Auf Antrag der Linken wurde der Einwohnerantrag geändert und in den Antrag der Parteien integriert. „Immerhin ist der bis zum Januar schwammig und missverständlich formulierte Parteien-Antrag nun deutlich klarer und er enthält konkrete Vorgaben, wie das Gewerbe gesichert werden soll“, so Andreas Richter von der Bürgerplattform SO! MIT UNS Berlin-Südost. Richter will mehr: „Noch immer fehlt eine übergeordnete Strategie. Diese würde es Politik und Verwaltung erleichtern, den Interessen einzelner Investoren ein klares öffentliches Entwicklungsinteresse gegenüber zu stellen.“ Unterstützung erhält er von der Industrie- und Handelskammer. „Die von der BVV beschlossenen Änderungen zum Bebauungsplanverfahren reichen nicht aus“, so die stellvertretende Hauptgeschäftsführerin Melanie Bähr: „Schöneweide ist ein entscheidender Ort für die gesamtstädtische Entwicklung. Solche Orte, wo Wissenschaft, Forschung und Industrie Produkte von morgen kreieren, gilt es weiterzuentwickeln, damit für die wachsende Zahl von Einwohnern auch genügend Arbeitsplätze zur Verfügung stehen. Land und Bezirk müssen vor Abschluss des Bebauungsplanverfahrens ein Konzept für das gesamte Areal aufstellen, um die Entwicklungsmöglichkeiten für Industrie und Handwerk sowie für die Kreativ- und Start-up-Szene nicht zu gefährden.“

Nils Michaelis / Bilder: imago/Jürgen Ritter