Immer mehr Menschen verlieren das Vertrauen in staatliche Vermögenssicherheiten. Jens Steinhagen von Steinhagen Consulting ist ein führender Experte und Vortragsredner für Rücklagen- und Vermögensschutz und spricht im Interview offen über Strategien in zunehmend unsicheren Zeiten.
Als Analyse-Instrument entwickelte er den RüVER-Stresstest mit, um die Vermögensstruktur von Mandanten unter realitätsnahen Krisenszenarien zu durchleuchten und objektiv zu bewerten.
Herr Steinhagen, es gibt Tendenzen, dass Menschen unserem Staat nicht mehr so recht zutrauen, ihr Vermögen wirksam zu schützen. Woran liegt das Ihrer Ansicht nach?
Jens Steinhagen: Die Ursachen sind so vielfältig, dass sie unseren Rahmen hier sprengen würden. Deshalb versuche ich, den wesentlichsten Faktoren hier kurz anzureißen.
Es fehlen uns allen oft Definitionen und deshalb haben wir „Fehlwahrnehmungen“. Eine davon hat sich manifestiert, nämlich, dass der Staat dafür verantwortlich ist unsere privaten Vermögenswerte zu schützen. Es ist wichtig, zwischen Staat, Politik und Machtausübung der Politik zu unterscheiden. Ein Staat ist ein Zusammenschluss von Menschen in einem bestimmten Gebiet, der durch eine Staatsgewalt regiert wird. Insofern hat Bundeskanzler Merz mit seinem von der Avenir Suisse aus dem Jahr 2015 geborgten Satz: „Der Staat, das sind wir alle!“ also völlig recht.
Ein Staat hat immer und in erster Linie dafür zu sorgen, dass auf seinem Staatsgebiet und für sein Staatsvolk das vorhandene System der Gemeinschaft funktioniert.
Solange wir weder außenpolitische noch innenpolitische Auseinandersetzungen haben und die Wirtschaft prosperiert, haben eine Regierung und eine Legislative eine verhältnismäßig leichte Aufgabe.
Denn in diesem Prozess werden alle gemeinsam wohlhabender, der Staat und die einzelnen Bürger. Für die Masse der Staatsbürger entsteht die Wahrnehmung, dass der Staat durch seine Aufgaben auch ihre privaten Vermögenswerte schützt.
Richtig hingegen ist: Der Staat hatte genau genommen noch nie die Aufgabe, die geschaffenen Vermögenswerte einzelner Bürger zu schützen.
Welche konkreten Gefahren sehen Sie für private Vermögen durch staatliche Eingriffe?
Jens Steinhagen: Ich halte es für denkbar, dass Regierungen in Zukunft noch mehr Gestaltungsmacht beanspruchen, wenn es um das Geld und die Vermögen der Bürger geht. Dazu zählen Maßnahmen wie Beschränkungen beim Transfer von Kapital ins Ausland, weitere Bargeldbeschränkungen, wie die, die am 10. Juli 2027 laut der neuen EU-Richtlinien in Kraft treten, oder neue Formen der Besteuerung, die deutlich über bisherige Standards hinausgehen. Auch Veränderungen im Währungssystem sind vorstellbar, ob durch eine Abwertung, durch die Einführung digitaler Staatswährungen oder durch eine strukturelle Neuordnung, wie wir sie in der Vergangenheit bei Währungsreformen gesehen haben.
Diese Möglichkeiten müssen nicht zwangsläufig eintreten, aber die tendenzielle Wahrscheinlichkeit ist gestiegen und damit gehören sie zu den Szenarien, die man für sich einwerten sollte.
Wie groß schätzen Sie das Risiko staatlicher Eingriffe im Verhältnis zu anderen Bedrohungen ein?
Jens Steinhagen: Die Staaten und die Zentralbanken haben bereits massiv in unser Finanzsystem eingegriffen. Wir spüren nur die Auswirkungen in der Wirtschaft zeitversetzt und zuletzt bei unseren eigenen Vermögenswerten. Am sichtbarsten ist derzeit der Verlust an Kaufkraft. Inflation ist dort keine abstrakte Größe, sondern betrifft jeden Einzelnen beim täglichen Einkauf. Unser Einkaufswagen gibt uns dort ein kognitiv verarbeitbares Bild. Etwas versteckter und dadurch schwieriger zu bewerten ist die „Makroökonomische Inflationsrate“, die die Entwertung geschaffener Vermögenswerte betrifft und nur die reine Aufblähung der Geldmenge gegenüber der Gütermenge darstellt.
Dahinter reiht sich die Gefahr staatlicher Kontrollen über Kapitalströme ein, die schon in vollem Gange ist. Gefolgt wird diese von der Diskussion über neue Abgaben auf Einkommen, Geld- und Aktienvermögen und Erbschaften, eine neue Transaktionssteuer bei Aktien, ein Boomer-Soli, genau wie die in Berlin bereits auf den Weg gebrachte Vergesellschaftung von Immobilienvermögen.
Wie sieht es bei Edelmetallen wie Gold oder Silber aus? Diese gelten in der Regel als sichere Anlageoption.
Die Wahrscheinlichkeit von möglichen Eingriffen in den Edelmetallmarkt hat sich seit der Veröffentlichung des „Financial Stability Report“ der EZB im Juni 2025 über die „Verwerfungen auf dem Edelmetallmarkt“ deutlich erhöht. Dies sollte beim Erwerb von Edelmetallprodukten unbedingt beachtet werden, da ein privates Goldhandelsverbot von Standardgoldprodukten zur Stabilisierung der Finanzmärkte damit in den Fokus gerückt ist.
Wie realistisch ist es, dass Edelmetalle sogar verboten werden?
Jens Steinhagen: Hier muss ich einmal einer in der öffentlichen Diskussion weitverbreiteten „Hoffnungsargumentation“ entgegentreten, welche da lautet:
„Ein generelles Verbot ist nicht zu erwarten, zumindest nicht in naher Zukunft. Dafür ist der Widerstand in der Gesellschaft zu groß und der Aufwand rechtfertigt sich für den Staat nicht.“
Beides stimmt so nicht! Ich bin als Berater für Rücklagen- und Vermögensschutz anders in der Haftung als ein Rohstoffhändler, der das Verkaufen von Edelmetallprodukten aus Gold und Silber als seinen Arbeitszweck definiert. Dieser Händler hat keine Beratungs-, sondern eine Verkaufsaufgabe. Demzufolge darf er diese oberflächliche Behauptung auch aufstellen; er verkauft Edelmetalle.
Ich entwickle strategische Schutzkonzepte. Meine vermögenden Kunden wollen für Teile ihrer Vermögenswerte den „Worst Case“ abgesichert wissen. So musste ich mich arbeits- und haftungsbedingt mit Gold- und Silberverboten der Vergangenheit intensiv beschäftigen und komme zu einem gänzlich anderen Ergebnis. Es gab in der Vergangenheit über 400 Gold- und Silberverbote, die bis ins alte Ägypten zurückreichen. Diese Verbote und Handelsbeschränkungen gab es in allen Gesellschaftssystemen, nicht nur in totalitären Diktaturen und in sozialistischen Ländern, sondern auch in Demokratien der Neuzeit. 1972 gab es noch in über 120 Ländern der Erde ein privates Goldbesitzverbot.
Und auch wenn ich ein Gold- und/oder Silberverbot aktuell nicht mit Hyperschallgeschwindigkeit auf uns zurauschen sehe, so segeln wir aber dennoch straff in die Richtung. Das belegen auch die Kontrollgrenzen beim Kauf. Der anonyme Erwerb von Edelmetallen wurde 2011 erstmalig reguliert und auf 15.000 Euro Obergrenze festgelegt. 2017 wurde diese auf 9.999 Euro abgesenkt und nochmals zum 1. Januar 2020 auf 1.999 Euro reduziert. Diese Grenze gilt seitdem auch für den Wiederverkauf. Sie müssen sich oberhalb dieser Grenze auch beim Verkauf ausweislich dokumentieren lassen und einen sogenannten Mittelherkunftsnachweis erbringen. Es wird uns also bereits systematisch erschwert, mit dem Material Gold und Silber unregistriert in größeren Mengen zu handeln.
Inwiefern wird der Gold- und Silberhandel erschwert?
Ich gehe davon aus, dass es zukünftig noch strengere Meldepflichten geben wird, die den freien Handel weniger attraktiv machen sollen. Auch ein Vermögensregister könnte zur Offenlegung des Goldvermögens zwingen. Am ehesten würde sich ein Staat auch auf Gold konzentrieren, weil es traditionell als Fluchtwährung gilt. Silber oder Platin könnten betroffen sein, wenn die Märkte in Zukunft ohnehin stärker überwacht würden.
Ich gebe Ihnen auch hier keine Wahrscheinlichkeiten, sondern – wie meine Kunden das auch von mir gewohnt sind – Zahlen, Daten, Fakten und Denkansätze.
Vermögensschutz, wie meine Kunden ihn verstanden haben möchten, muss zu Ende gedacht sein und den „Worst Case“ mit abdecken. Wenn solch eine Situation eintritt, dann wird der Staat jeden „Spielstein“ nutzen, auch den eines Gold- und Silberverbotes.
Wo lauern für Sie die weitaus größten Risiken, wenn man das Gesamtbild betrachtet?
Jens Steinhagen: Gefährlich wird es, wenn mehrere Faktoren gleichzeitig auftreten. Das ist dann wie „Domino-Day“. Eine Inflation, die die Kaufkraft mindert, eine Rezession, die die Wirtschaft lahmlegt und die Einnahmen des Staates reduziert. Milliardenlöcher in den Sozialsystemen, die durch eine überbordende Staatsverschuldung gestopft werden sollen. Kombiniert man dies mit restriktiven Maßnahmen des Staates, etwa Kapitalverkehrskontrollen, führt das dazu, dass sie keine signifikanten Vermögenswerte mehr aus dem System bekommen. Das könnte dann für Vermögende und Erben, die nach generationenübergreifendem Schutz suchen, oder Unternehmer, die ihr Lebenswerk sichern möchten, sogar existenzbedrohend sein. Hinzu kommt die Passivität mancher Anleger: Wer glaubt, mit klassischen Sparverträgen, Versicherungspolicen, Fonds oder ETFs allein automatisch sicher zu sein, macht sich besonders angreifbar. Die Erfahrung zeigt, dass Krisen oft schneller eskalieren, als man erwartet. Deshalb sollte niemand allein auf politische Versprechen vertrauen.
Welche Wege sehen Sie, sich gegen solche Unsicherheiten abzusichern?
Jens Steinhagen: Der Schlüssel liegt in der Vielfalt. Wer sein Vermögen nur auf ein Konto stützt, begibt sich in eine riskante Abhängigkeit. Ich rate dazu, verschiedene Anlageformen je nach eigenem Sicherheitsbedürfnis zu kombinieren: physische Werte wie Edelmetalle, Sachwerte wie Immobilien, Land oder Unternehmensbeteiligungen, ergänzt durch Liquidität, die nicht ausschließlich in inländischen Banken liegt. Ebenso wichtig ist es, rechtzeitig Strukturen zu schaffen, die im Ernstfall Bestand haben, sei es durch internationale Streuung oder durch klare Eigentumsnachweise, die selbst dann wirksam sind, wenn man das Land ungewollt verlassen müsste.
In jedem Fall kann man Werte, die in Krisen ein großes Risiko bergen und nicht nachgefragt sind, aktuell gut wandeln in Werte, die in Krisen ein geringeres Risiko haben, bestehen bleiben oder sogar einen Nachfragemarkt entwickeln. Und man sollte wachsam bleiben: Gesetzesänderungen haben ihre Gründe. Der Staat muss, wenn sich schwierige Zeiten abzeichnen, auf Notlagen und Krisen vorbereitet sein. Als vermögende Privatperson sollte man das Gleiche tun. Krisen zeichnen sich oft Monate, manchmal Jahre im Voraus ab. Wer diese Signale früh erkennt, hat den entscheidenden Vorteil.
Welche Methode wenden Sie an, um die Vermögenswerte Ihrer Mandanten gezielt auf Krisenanfälligkeit und staatliche Übergriffe zu prüfen?
Jens Steinhagen: Meine Methode basiert auf einem durchdachten System, das ich über lange Jahre selbst entwickelt habe und das sich vielfach in der Beratungspraxis bewährt hat. Mittelpunkt ist der sogenannte RüVER®-Stresstest, ein Analyse-Tool, das ich mitkonzipiert habe, um Vermögenswerte hinsichtlich ihrer Stabilität gegen wirtschaftliche Turbulenzen und staatliche Einflüsse zu prüfen. Dabei geht es nicht nur darum, mögliche Risiken abstrakt zu benennen, sondern konkrete Schwächen herauszuarbeiten. Zunächst erfasse ich sämtliche Vermögensposten eines Mandanten – von Kontoguthaben über Immobilien, Edelmetalle bis hin zu Unternehmensanteilen – und ordne sie strukturell. Im nächsten Schritt werden diese Vermögensbausteine mehreren Belastungsfällen unterzogen, die historische Krisen, wirtschaftspolitische Eingriffe und aktuelle geopolitische Entwicklungen berücksichtigen.
Wie läuft dieser Stresstest konkret ab?
Jens Steinhagen: Beispiele dafür sind hohe Inflation, Umstellungen im Währungssystem, schärfere Steuervorschriften, Devisen- oder Kapitalverkehrsregulierungen sowie Beschränkungen im Handel mit Edelmetallen. Der RüVER®-Stresstest macht deutlich, wie sich solche Szenarien auf Marktwert, Liquidität und Rechtslage auswirken. Auf diese Weise werden latente Risiken sichtbar, etwa eine zu starke Vermögenskonzentration, eine Abhängigkeit von bestimmten Banken oder fehlender Schutz über Landesgrenzen hinaus. Aus den gewonnenen Einsichten formuliere ich individuelle Empfehlungen, damit Mandanten frühzeitig Maßnahmen ergreifen können. Unser Stresstest ist demnach ein praxisorientiertes Instrumentarium, das Vermögen so strukturiert, dass es auch unter ungewöhnlichen Belastungen bestehen kann. Wir nennen das eine „funktionelle Diversifikation“ der Vermögenswerte, in der nicht die Rendite, sondern die Sicherheit im Mittelpunkt der Betrachtung steht.
Herr Steinhagen, was ist allgemein Ihr wichtigster Rat an Menschen, die ihr Vermögen langfristig sichern wollen?
Jens Steinhagen: Nicht in Angst verharren, sondern handeln. Wer sich frühzeitig mit seinen Optionen beschäftigt, verschafft sich Spielraum. Funktionelle Diversifikation, Transparenz der eigenen Vermögensstruktur und ein wachsames Auge auf politische Entwicklungen sind gute Grundlagen. So kann man auch in unsicheren Zeiten dafür sorgen, dass das eigene Lebenswerk erhalten bleibt.


