Polsterer Sebastian Scheer liebt es solide.

„Wäre toll, wenn die Möbel Geschichten erzählen“, sagt Sebastian Scheer, während er in seiner gläsernen Werkstatt in Prenzlauer Berg den Hammer schwingt. Gerade befreit er einen Stuhlrahmen von alten Klammern. Gar nicht so leicht. „Damals hat man noch mit echten Harthölzern wie Eiche oder Buche gearbeitet“, erklärt der 35-Jährige.

Die robuste Bauweise von teilweise mehr als 150 Jahren alten Stühlen und Sofas machen die Aufbereitung zu einem echten Kraftakt. „Das ist eben noch echtes Handwerk“, sagt Scheer begeistert. Er selbst hatte noch das Glück, den Beruf des Raumausstatters, zu dem der Polsterer zählt, von der Pike auf zu lernen. „Ich bin in die Fußstapfen meines Vaters getreten.“ Selbstständig war dieser aber nicht. Diesen Traum konnte sich erst sein Sohn – gemeinsam mit Kollegin Kerstin Albrecht – 2015 erfüllen.

Echte Raritäten

Denn die Nachfrage ist da. In seiner Werkstatt „PolsterArt“ in der Schieritzstraße/ Ecke Greifswalder Straße fertigt er Möbel als individuelle Unikate. Sein Anspruch ist hoch: „Ich mache die Möbel so, dass ich sie mir selbst ins Wohnzimmer stellen würde.“ Das Credo baut nicht nur auf Vertrauen, Sebastian Scheer liebt seinen Beruf einfach. Das spürt man vor allem, wenn er die Design-Klassiker zeigt, auf die er sich spezialisiert hat.

„Da sind echte Raritäten dabei, etwa Biedermeier-Sofas oder auch der „Womb“, ein Sessel der Firma Knoll, den die über Epochen hinweg baute“, schwärmt der Fachmann. Und er weiß: „Für manch Sammlerstück bekommt man schon mal 20.000 Euro.“ Da kann sich die Polsterreparatur, die der Handwerker anbietet, richtig lohnen.

Heutige Schlichtheit

Mit etwa 3.000 verschiedenen Stoffen ist der Polster-Meister den herkömmlichen Möbelhäusern weit voraus. Das wissen auch seine Kunden aus Gastronomie oder Wirtschaft. Ob vererbtes Sofa oder auf dem Flohmarkt entdecktes Schmuckstück – die Möbel, mit denen es Scheer zu tun bekommt, sind so verschieden alt wie die Möbelliebhaber selbst es sind.

Und für die gilt: „Der Grund, ein bestimmtes Möbel haben oder erhalten zu wollen, muss stimmen, dann ist es egal, wie aufwendig und damit teuer eine Reparatur ist“, erklärt der Experte anhand eines Hellerau-Sitzmöbels, ein DDR-Sessel aus den 1960er-Jahren. Im Gegensatz zur heutigen Billig-Bauweise waren früher industriell gefertigte Möbel auf generationsübergreifendes Bestehen gefertigt.

Blaue Flecken

Doch irgendwann nagt noch an jedem Möbelstück der Zahn der Zeit, ist langjähriger Gebrauch nicht mehr zu übersehen. Wer dann zu Scheer in die Ladenwerkstatt kommt, dem werden passende Stoffe und Ideen präsentiert. Ist man sich einig, folgt ein Besuch des Meisters zuhause und ein entsprechendes Angebot. Erst danach nimmt sich Scheer der Design-Klassiker oder des Lieblingsstücks mit Hingabe an, geht dem Möbel nach dem Motto „Aus alt mach’ neu“ auf den Grund.

Dazu gehört ein vielschichtiger Wiederaufbau. Wenn das Holzskelett vorbereitet vor ihm steht, kommt der Handwerker erst richtig in Schwung. Geflochtene Gurtbänder werden angebracht, auf die Gurtkreuze kommen anschließend Taillenfedern, die miteinander verschnürt werden. Per Hand, wohlgemerkt. „Dazu braucht es jede Menge Kraft. Und das verursacht schon mal blaue Flecken“, erzählt Scheer.

Die nächste Schicht besteht aus Palmfasern und wird mit Faconleinen durchgenäht. Als Abschluss für den Grund nimmt der Polsterer Rosshaar, das er gut verzwirbeln muss, um es gleichmäßig in die Fläche zu bekommen. Und zuletzt kommt natürlich das Weißpolster, das nun mit dem gewählten Stoff bezogen wird. „Echte Maßarbeit, für die man viel Geduld braucht“, weiß Scheer, der sich deshalb auch manchmal als Schneider versteht. „Das ist wie Mode. Im Prinzip ziehen wir die Möbel neu an.“

Datum: 9. Februar 2019 Text und Bilder: Karin Reimold