Am zweiten Tag der Berlinale stellt Alain Gomis’ „Dao“ die Journalist:innen auf eine harte Probe: Bereits in der ersten Stunde des dreistündigen Films verlassen sechs Menschen die Pressevorführung. Vielleicht liegt das an jener Redundanz, die der Titel selbst ankündigt: „Das Dao ist die unaufhörliche, kreisende Bewegung, die durch alles fließt und die Vielfalt der Welt verbindet.“ Wer sich jedoch einmal auf diese Bewegung einlässt, möchte nicht mehr, dass sie endet. Der Doku-Experimentalfilm ist ein Erlebnis, ein Rausch, und vor allem ein Film, den man fühlt, bevor man ihn zu verstehen versucht.
„Dao“ ist Alain Gomis’ dritter Film im Berlinale-Wettbewerb
Aber worum geht es? Protagonistin des Films ist Gloria, eine französische Frau mit afrikanischen Wurzeln. Sie lebt in Paris. Ihre Tochter Nour hat sich gerade mit ihrem Freund James verlobt, was Gloria erst nicht verstehen kann. „Für uns war die Ehe ein Klotz am Bein“, erzählt sie. „Für mich bedeutet es, mein Leben jemand anderem zu schenken“, entgegnet Nour. Dieser Generationenkonflikt bestimmt den weiteren Verlauf des Films, in dem ihre Familie zwei zentrale Ebenen des Lebens gemeinsam begeht: Feiern und Trauern – mal in Einigkeit, mal in Streit.
Der französisch-senegalesische Regisseur Alain Gomis (53) ist auf der Berlinale kein Unbekannter. 2012 war er mit „Aujourd’hui“ das erste Mal im Berlinale-Wettbewerb vertreten. Fünf Jahre später bekam er für seinen Film „Félicité“ den Großen Preis der Jury. „Dao“ ist sein dritter Auftritt im Wettbewerb. Bereits in seinem Berlinale-Erstling „Aujourd’hui“ ging es um den Tod, das Leben und seine Rituale – alles verwoben mit Tanz und Musik.
Berührende Miniaturen des Glücks
So auch in „Dao“: In dokumentarischen, von Hand gefilmten, sprunghaft geschnittenen Aufnahmen erleben wir Nours ekstatisches Hochzeitsfest irgendwo am Land außerhalb von Paris. Manchmal verstummt das Jubelgeschrei, und sanfte Jazzklänge legen sich über das Bild. Es sind berührende Miniaturen des Glücks.
Aufgebrochen wird dieser Erzählstrang von Szenen in einem afrikanischen Dorf, aus dem Glorias Familie stammt – und diese Familie ist riesig, da der Vater polygam gelebt hat. Es sind die Szenen einer mehrere Tage laufenden Zeremonie zu Ehren des verstorbenen Vaters Louis. Der dokumentarische Charakter des Films entspringt vor allem diesen Bildern: Tierblut in Schalen, Erde, die zwischen den Händen und ins Gesicht gerieben wird, Segenswünsche an den Vater. Außerdem erfahren wir viel über den immer noch patriarchalen Kern der Dorfgemeinschaft, über harte Arbeit auf dem Feld – es ist eine Parallelwelt zu der von Smartphones begleiteten Paris-Hochzeit.
Die Kameraführung von Céline Bozon ist nah am Geschehen und hat einen unmittelbaren Effekt: Wir werden Teil von Glorias Familie, die übrigens in Teilen real ist. Gomis hat für seinen Film tatsächliche Familienmitglieder mit Schauspieler:innen gemischt. In einer Szene auf Nours Hochzeit offenbart sich die Machart: „Wir improvisieren einfach“, sagt ein Mann zu einem anderen. Und schon entspinnt sich wieder ein Gespräch, das so real wirkt wie Reality-TV – nur eben gutes Reality-TV. In Ausschnitten des Castings zu Beginn von „Dao“ erklärt der Regisseur das Ziel des Films: eine echte falsche Familie zu bilden. Eine Fusion von Fakt und Fiktion, in der sich der Zuschauer ständig fragt, welche Szenen nun real oder fiktiv sind.
Getragen wird dieses Spektakel von einem überragenden Sound: Während Gloria auf dem Grab ihres Vaters sitzt und zu ihm spricht, hören wir ein schlafendes Baby sachte atmen; die Kamera geht einmal ganz nah an seinen Mund heran. Die Bäume rauschen im Wind, ein Tier schreit um sein Leben – und dazwischen wird heftig getanzt, zu Trommelklängen, zu improvisiertem Gesang, immer im Kreis, an den Händen, miteinander, unaufhörlich weiter in den Tod hinein.
Text: Marie Ladstätter
Dao F/Senegal, Guinea-Bissau, 185 Min.; R: Alain Gomis; D: Katy Correa, D’Johé Kouadio, Samir Guesmi


