
Lilia muss sich sammeln, bevor sie aus dem Auto steigt. Durch den Rückspiegel sieht sie sich selbst als kleines Kind mit ihren Cousins tuscheln und lachen. Es ist der Blick in eine unbeschwerte Vergangenheit: Diese wird sich im Verlauf des Films öfter melden, dazwischenschieben – doch das Ungetrübte wird dem Blick der erwachsenen Frau nicht standhalten können.
„In a Whisper“ schließt thematisch an die Vorgänger-Filme der Regisseurin an
Die Protagonistin in Leyla Bouzids drittem Spielfilm „À voix basse“ („In a Whisper“) kehrt aus traurigem Anlass in ihre tunesische Heimat zurück: Ihr Onkel Dahli ist verstorben. Die ganze Familie hat sich im Haus ihrer Großmutter versammelt, um seiner zu gedenken. Lilia wird herzlich empfangen, doch der Schock sitzt tief. Dahli war weder alt, noch ist er auf natürliche Weise gestorben: Man hat ihn nackt in den Straßen von Sousse liegend gefunden. Für die Polizei scheint dieser Tod wie eine von Gott gewollte Konsequenz, denn Dahli war schwul. Laut Artikel 230 ist Homosexualität in Tunesien eine Straftat.
Mit „In a Whisper“ schließt Leyla Bouzid thematisch an ihre Vorgänger-Filme „Kaum öffne ich die Augen“ und „Eine Geschichte voll Liebe und Verlangen“ an: Wieder geht es um Unterdrückung durch Religion, Familie und den Staat. Auch Lilia hat Sousse, die drittgrößte Stadt Tunesiens, aus gutem Grund verlassen. Als Ingenieurin hat sie einen Männerberuf, und sie ist lesbisch – ihre Freundin Alice hat sie auf dem Weg zur Beerdigung bei einem Hotel abgesetzt. Die beiden leben zusammen in Paris. Ihre Familie weiß nichts davon.
Nach dem Arabischen Frühling 2011 mit dem Fall des Diktators Ben Ali galt Tunesien lange als große demokratische Hoffnung. Seit den Wahlen im Jahr 2019 ist es damit vorbei: Präsident Kais Saied löst das Parlament auf. Tunesien erlebt einen Rückfall in die Autokratie.
Ermittlung auf eigene Faust
Lila beschließt, selbst zu ermitteln. Sie sucht den Ex-Geliebten ihres Onkels auf. Sie spricht mit Dahlis Freunden. Die Kamera folgt Lilias wachsamen Blicken so nah und unvermittelt, dass man das Gefühl hat, selbst vor Ort zu sein: in einer heimlichen Schwulenbar, im Haus der Großmutter. Die Dringlichkeit von Bouzids Film gelingt vor allem dank der wandelbaren Mimiken der Schauspieler:innen, ihrer subtilen Blickwechsel und dem reduzierten Einsatz einer unheilvollen Filmmusik. Indem sie auf Panoramabilder Tunesiens verzichtet, bindet sie die Perspektive strikt an das Erleben ihrer Figuren.
Eya Bouteraa spielt die zunehmende Zerrissenheit mit beeindruckender Präsenz
Während Lilia versucht, die Ehre ihres Onkels zu bewahren, hält sie ihre eigene Homosexualität unter Verschluss – zu groß die Angst vor einer Ablehnung ihrer geliebten Mutter. Schauspielerin Eya Bouteraa spielt die zunehmende Zerrissenheit Lilias mit einer beeindruckenden Präsenz.
In einer Mischung aus Krimi und Tragödie erzählt Leyla Bouzid mit „À voix basse“ die berührende Geschichte einer Selbstermächtigung. Daneben verleiht sie mit Tunesien einem weiteren Schauplatz der weltweit zunehmend gefährdeten LGBTQIA+ Community eine Stimme – und reiht sich ein in eine hochpolitische 76. Berlinale.
Text: Marie Ladstätter
À voix basse (In a Whisper) F/Tunesien 2026; 113 Min.; R: Leyla Bouzid; D: Eva Bouteraa, Hiam Abbas, Marian Berbeau
