Rund um die Heidestraße befindet sich zwischen Spandauer Schifffahrtskanal und Invalidenstraße das Quartier Europacity Bild: IMAGO/Jürgen Ritter
Rund um die Heidestraße befindet sich zwischen Spandauer Schifffahrtskanal und Invalidenstraße das Quartier Europacity Bild: IMAGO/Jürgen Ritter

BERLIN Es hätte so schön werden können. Doch die zahlreichen Neubauten in der Europacity nördlich des Hauptbahnhofs erweisen sich als problematisches Terrain

Es war Klaus Wowereits Lieblingsstadtentwicklungsprojekt: die Europacity nahe des Hauptbahnhofs. Auf 85.000 Quadratmetern entstanden zwischen Heidestraße und Spandauer Schifffahrtskanal seit 2013 Wohnungen für 3.000 Menschen und Büros für 10.000 Arbeitsplätze. Doch bereits vor zwei Jahren entpuppten sich viele Pläne für sozialverträgliches ­Bauen an dieser Stelle als Makulatur, der Senat ließ sich von einem Investor, der mietpreisgebundene Wohnungen versprochen hatte, über den Tisch ziehen.


Weithin sichtbar etwa ist das Hochhaus des französischen Energiekonzerns Total und die Verwaltungszentrale des ­Netzbetreibers 50Hertz. Zuletzt wurde im Januar das Büro­hochhaus Upbeat fertig. Und weil auch alle Nachfolger von Wowereit ­große Freunde der Kunst waren, entstand im südlichen Teil des Quartiers ein Kunst-Campus, mit dem Hamburger Bahnhof und der Flick-Sammlung in den Rieckhallen und die Halle am Wasser mit Kunstgalerien.

Klingt gut? Architekturkritiker sehen das anders. So urteilte der französische Architekt Jean-Philippe Vasall: „Diese Europacity ist ein Beispiel dafür, dass man 30 Jahre ­alten Masterplänen folgt, obwohl Prognosen nicht eingetroffen sind.“ Er vermisst partizipative, soziale und ökologische Elemente der Stadtplanung und findet, „das ist ­gebaute Leere, ohne Leben, ohne Identität“.

Ein trauriger Humboldthafen

Besonders deutlich wird das am südlichen Eingang zum Quartier, dem Humboldt­hafen. Von 1848 bis 1850 entstand er als Schmuckbassin nach Plänen von Peter ­Joseph Lenné. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Hafenbetrieb eingestellt und das Gelände, an der Sektorengrenze gelegen, fiel in einen jahrzehntelangen Dornröschenschlaf.

Am 24. August 1961 kam hier Günter Litfin als erstes Todesopfer an der Mauer ums Leben. Nördlich des Hafens gab es zu Mauerzeiten – Besitzer des Grundstücks war die Deutsche Reichsbahn der DDR – eine Ansammlung von Baracken, in denen man von geklauten Autoersatzteilen bis hin zu Boden-Luft-Raketen (kein Witz!) alles käuflich erwerben konnte.

Zwischen 2008 und 2013 wurden die Uferwände auf 700 Metern Länge nach historischem Vorbild erneuert. Geplant war eine schicke Marina und eine Promenade, auf der man unter Bäumen in Lokalen auf das architektonische Wunderwerk des Hauptbahnhofs blicken konnte.

Das erwies sich als problematisch: Zunächst einmal ist die Ecke des Bahnhofs, die zum Hafenbecken hin liegt, eine veritable Dauerbaustelle, die Sandsteinblöcke der Hafenumrandung ­ziehen immer wieder Graffiti-Künstler an, darunter oft weniger begabte – und die ­Sache mit den Bäumen entpuppte sich auch als das Gegenteil von gut.

Hauptursache für den traurigen Zustand des Humboldthafens ist der zweite Bauabschnitt der S-Bahnlinie 21, die irgendwann einmal – die Deutsche Bahn geht inzwischen von 2036 aus – vom Gesundbrunnen bis zum Potsdamer Platz führen soll.

Luis Lindner von der Reederei Flagship Berlin, die den Hafen als Wirtschaftsstandort nutzen wollte, war in einem Interview mit dem RBB mehr als deutlich: „Der Humboldt­hafen ist für uns tot!“ Auch auf absehbare Zeit wird also das schöne Hafenbecken im Herzen der Stadt im Winter eisekalt, im Sommer unerträglich heiß und zu jeder Jahreszeit ziemlich leer bleiben.

Text: Lutz Göllner