Das sehenswerte Dokudrama „Astrid Lindgren – Die Menschheit hat den Verstand verloren“ thematisiert die Tagebücher der schwedischen Autorin
Rund 70 Jahre lang lagen sie im Schlafzimmer in einem Wäscheschrank verborgen: die Tagebücher, die die berühmte Kinderbuchautorin Astrid Lindgren (1907–2002) zwischen 1939 und 1945 verfasst hat. Sie wurden erstmals 2015 veröffentlicht und in 20 Sprachen übersetzt.
So weit, so gut. Aber sind diese Kriegstagebücher ein Filmstoff? Schließlich handelt es sich hier um keine Erzählung, sondern um Gedanken einer modernen Frau über all das Schreckliche, das zu dieser Zeit passierte. Autor, Regisseur und Produzent Wilfried Hauke benutzt für seinen Film „Astrid Lindgren – Die Menschheit hat den Verstand verloren“ die bewährte und vor allem von Heinrich Breloer („Die Manns“) perfektionierte Form des Dokudramas.
Er vermischt also alte Originalaufnahmen mit Spielfilmsequenzen und Berichten von Familienangehörigen Lindgrens. Und da ist es ein großes Glück, dass Astrid Lindgrens Tochter Karin Nyman, während des Drehs so um die 90 Jahre alt, mit gutem Gedächtnis und wachem Verstand aus ihrer Kindheit berichtet. Ihr zur Seite stehen die Enkelin Annika Lindgren und der Urenkel Johan Palmberg. Und eine andere Figur wird auch noch sehr wichtig: Pippi Langstrumpf.
Der Ursprung von Pipi
Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs ist Astrid Lindgren 32 Jahre alt, mit Nils Sture verheiratet und Mutter zweier Kinder. Der Krieg trifft sie ins Mark. Zwar ist Schweden neutral, doch die Angst ist alltäglich, seitdem nicht nur Hitlerdeutschland herumtobt, sondern Stalins Russland das benachbarte Finnland angegriffen hat. Durch einen neuen, ihr zugewiesenen Job bekommt Astrid ungeahnte Einblicke in die Welt außerhalb von Schweden: Für die geheime Zensurstelle der schwedischen Post muss sie als Kontrolleurin die Briefe von nach Schweden Geflüchteten lesen und erfährt so viel über das Kriegselend.
Den Job findet sie widerlich, doch Rettung findet sie in der eigenen Fantasie: Im kalten Winter 1941 erzählt Astrid Lindgren erstmals ihrer kranken Tochter Karin von einem anarchistischen rothaarigen Mädchen, das ohne Eltern lebt und sehr stark ist. Und Karin erfindet den Namen des Girlies: Pippi Langstrumpf.
„Astrid Lindgren – Die Menschheit hat den Verstand verloren“ ist eine sehenswerte Reise in die Erfahrungs- und Gedankenwelt einer klugen und sensiblen Frau, bei der Regisseur Hauke die angenehm zurückhaltend inszenierten Spielszenen – bei denen Astrid oft direkt in die Kamera spricht – mit spannenden Archivaufnahmen verquickt und dennoch genug Raum lässt für Lindgrens Nachkommen, die das Ganze erst richtig lebendig machen.
„Astrid Lindgren – Die Menschheit hat den Verstand verloren“: D/S 2025, 98 Min., R: Wilfried Hauke, mit Karin Nyman, Annika Lindgren, Johan Palmberg, Kinostart: 22.1.
Text: Martin Schwarz


