„Dieses Baums Blatt, der von Osten
Meinem Garten anvertraut,
Giebt geheimen Sinn zu kosten,
Wie’s den Wissenden erbaut“
Dies ist die erste Strophe des Gedichtes „Gingo Biloba“ – Johann Wolfgang von Goethe schrieb es im Jahr 1815. Es handelt von genau jenem Baum, der im neuen Film der Ungarin Indikó Enyedi („Körper und Seele“) eine zentrale Rolle spielt. Und da Goethe im Film öfter erwähnt wird, wird dies auch eine Inspirationsquelle für ihren betörenden Film gewesen sein.
Wie nimmt der Mensch seine Umwelt wahr, welche Beziehungen hat er zu Pflanzen? Und umgekehrt: Wie nimmt eine Pflanze ihre Umwelt wahr, und welche Beziehung hat sie zum Homo sapiens? Diese und viele weitere Fragen, etwa nach dem Stellenwert der Wissenschaft, nach Kommunikation und Einsamkeit, lässt Enyedi mitschwingen in ihrer Geschichte, die in drei verschiedenen Zeiten, aber immer am selben Ort spielt: dem Botanischen Garten der Universität Marburg.
Patriarchale Welt

Zuerst ist da Grete (Luna Wedler). Sie darf 1908 als erste Frau ihr Studium der Biologie an der altehrwürdigen Universität von Marburg antreten. Sie versucht, sich in dieser patriarchalen Welt durchzusetzen, hält sich viel im Botanischen Garten bei einem 1823 gepflanzten Gingkobaum auf und entdeckt die Fotografie. Ihre bevorzugten Objekte: Pflanzen.
Im Jahr 1972 tritt das Landei Hannes (Enzo Brumm) sein Studium in Marburg an. Zwischen all den langhaarigen Intellektuellen fühlt er sich als Außenseiter. Er lernt die Studentin Gundula (Marlene Burow) kennen, die erforschen will, wie eine Geranie auf sie reagiert. Ein Vorhaben, das Hannes zunehmend fasziniert.
Im Jahr 2020 kommt der Neurologe Prof. Tony Wong (Tony Leung Chiu-Wai) von Hongkong nach Marburg und wird durch die Corona-Pandemie auf dem Campus isoliert, sein einziger Kontakt ist ein mürrischer Hausmeister (Sylvester Groth) und über Zoom eine französische Professorin (Léa Seydoux). Mit ihr entwirft er den Plan, das Innenleben des im Garten stehenden Gingkobaums mit modernsten Methoden wie ein menschliches Gehirn zu erforschen.
Bilder auf anderen Galaxien
Die Autorin und Regisseurin springt munter zwischen den drei lose miteinander verbundenen Zeitebenen hin und her und kreiert so einen faszinierenden Mikrokosmos über Wahrnehmung, Forschung, Kommunikation und das Leben an und für sich.
Ganz besonderen Wert legt sie dabei auf die visuelle Umsetzung: Nicht nur, dass die drei Zeitebenen mit 16mm-, 35mm- und digitalen Kameras gedreht wurden und dadurch ganz unterschiedliche Ästhetiken bedienen, immer wieder taucht die Kamera ins Innere von Pflanzen ein, wirken diese Aufnahmen mitunter wie Bilder aus anderen Galaxien. „Silent Friend“ – eine bedächtige, mitunter rauschhafte filmische Meditation und eine tiefe Verbeugung vor der Natur.
Silent Friend D/F/H 2025, 147 Min.
Regie: Indikó Enyedi, D: Tony Leung Chiu-Wai, Luna Wedler, Enzo Brumm, Marlene Burow, Sylvester Groth u.a.
Kinostart: 16. Januar 2026


