Wenn der Verstärker streikt, könnte ein Reparatur-Café helfen. Bild: iStock/Getty Images Plus/Tigercat_LPG
Wenn der Verstärker streikt, könnte ein Reparatur-Café helfen. Bild: iStock/Getty Images Plus/Tigercat_LPG

INTERVIEW Reinhard Barnewold, Leiter und Koordinator vom Reparatur-Café Mariendorf

Herr Barnewold, was kommt bei Ihnen typischerweise auf den Tisch, und wie viel können Sie reparieren?


Reinhard Barnewold: Unser Anliegen ist es, sämtliche Gebrauchsgegenstände aus Holz, Metall oder Kunststoff zu reparieren – Fahrräder, Haushaltsgeräte, Kleidung und Elektrogeräte. Überwiegend bringen die Gäste Elektro- und Elektronikgeräte mit, vor allem Küchenmaschinen wie Mixer, Kaffeemaschinen, Wasserkocher und Staubsauger, dazu Hifi- und CD-Player, Lampen und elektrisches Werkzeug. Zudem machen wir Textilreparaturen, Fahrräder und Holzarbeiten. Unsere Erfolgsquote liegt bei 70 bis 80 Prozent.

Reinhard Barnewold. Bild: Reparatur-Café Mariendorf
Reinhard Barnewold. Bild: Reparatur-Café Mariendorf

Viele Geräte sind verklebt, verschweißt oder per Software blockiert. Welche Gerätefallen erleben Sie am häufigsten?

Netzteile sind oft verklebt oder sogar vergossen. Sehr viele Geräte sind mit Rastnasen zusammengeklickt, weil das bei der Herstellung schneller und billiger ist. Da eine Reparatur nicht vorgesehen ist, sind die Plastik-Rastnasen nur für eine einmalige Verwendung ausgelegt. Oft braucht es viel Geduld und Erfahrung, ein Gerät zerstörungsfrei zu öffnen. Schrauben mit Standardköpfen statt Klebe- oder Klickverschlüssen wären schon ein großer Fortschritt. Noch besser wäre es, gleich robustere Teile zu verwenden und schon beim Design auf Langlebigkeit zu achten.

Das EU-weite „Recht auf Reparatur“ erlaubt ausdrücklich Reparaturen durch unabhängige Werkstätten und Repair-­Cafés, und Hersteller sollen dafür die ­nötigen Ersatzteile liefern. Kommt bei Ihnen tatsächlich etwas davon an?

Reparaturen in einem Reparatur-Café unterscheiden sich grundsätzlich von denen in kommerziellen Werkstätten: Wir sind keine kostenlose Alternative zu Handwerksbetrieben, sondern eine Ergänzung. Bei uns gibt es keine Garantien und keine Gewährleistung, und wir arbeiten ehrenamtlich ohne Zeit- und Termindruck. Daher können wir eine intensive Fehlersuche betreiben und am Ende etwa ein defektes Relais oder einen gealterten Kondensator austauschen. Wir tauschen keine kompletten ­Bauteilgruppen, sondern verlängern die Lebensdauer der Dinge mit kreativen Reparaturen, die wirtschaftlich oder aus Gewährleistungsgründen sonst nicht möglich wären. Wir versuchen also wirklich zu reparieren und nicht auszutauschen, auch mit gebrauchten Teilen und 3D-Druck. Für uns ist die Frage nach Ersatzteilen daher nicht so relevant; für kommerzielle Anbieter spielt sie eine viel größere Rolle.

In Berlin fallen pro Kopf rund vier Kilo Elektroschrott im Jahr an. Welchen Beitrag leisten Repair-Cafés aus Ihrer Sicht gegen die Wegwerfkultur?

Wir unterstützen unsere Gäste ehrenamtlich, aus Freude und Überzeugung, im Rahmen nachbarschaftlicher Hilfe. Damit leisten wir direkt unseren kleinen Beitrag zur Vermeidung von Elektroschrott. Der größere Effekt ist aber, dass wir ein Ort der Gemeinschaft, des Dialogs und des Wissens­austauschs sind: Durch das ­positive Erlebnis wird der Gedanke der Reparatur in der Gesellschaft wieder verankert. Das Ohnmachtsgefühl „Was kann ich als einzelner schon ausrichten?“ weicht einem „Wir zusammen können unseren Teil beitragen“. Im Reparatur-Café erleben Menschen ­konkret Selbstwirksamkeit: Reparieren macht nachhaltig glücklich, während der Neukauf nur kurzfristig ein paar Endorphine ausschüttet. So wirkt das Reparatur-Café über die einzelnen Reparaturen hinaus als Multiplikator.

Was haben Sie vom Berliner Reparatur-Bonus gemerkt, wurde er viel genutzt?

Aus vielen Gründen bin ich kein Freund des Reparatur-Bonus, und wir nehmen mit unserem Reparatur-Café auch nicht daran teil. Es besteht keine Notwendigkeit, die Nachfrage anzuregen, sie ist schon jetzt viel größer als das Angebot. Da wir komplett ausgelastet sind, würde der zusätzliche administrative Aufwand am Ende weniger statt mehr Reparaturen bedeuten. ­Unsere Reparaturen sind kein bloßes Bauteiltauschen, sondern gemeinsame Fehler­suche; ein Ersatzteil über dem förderfähigen Schwellwert brauchen wir in den seltensten Fällen. Die Anfragen haben sich zudem geändert, von „Könnt ihr mir helfen?“ zu „Ich brauche folgendes!“. Oft wird ein kostenloser Phone-Doctor-Service erwartet.

Selbst eine Fraunhofer-Studie zum Thüringer Reparaturbonus kann nicht nachweisen, dass es dort mehr Reparaturen gab als vorher – in den meisten Fällen wäre auch ohne Bonus repariert worden. Das Geld sollte stattdessen die Angebotsseite fördern: Infrastruktur wie Räume, Mieten und Werkstatt-Ausstattung oder Nachwuchsförderung in Schulen. Da wäre es sicherlich besser angelegt, als es in 50-Euro-Schritten an die Berliner zu verteilen.

Mehr Infos und Termine unter:
www.reparatur-initiativen.de/reparaturcafe-mariendorf

Noch mehr Reparatur-Cafés unter:
www.reparatur-initiativen.de