BÜHNE Anna Vera Kelle und Marcus Thomas über das Stück „Splitter“
Im neuen Stück „Splitter“ taucht das Theater Strahl anhand von Familienbiografien in die Geschichte der deutschen Teilung ein. Regisseurin/Theaterleiterin Anna Vera Kelle sowie Spieler/Musiker Marcus Thomas erzählen, wie sie das umsetzen wollen.
Was war der Impuls für das neue Stück?
ANNA VERA KELLE: Wir hatten lange das Stück „#BerlinBerlin“ im Programm und uns ist das Thema DDR und deutsch-deutsche Geschichte nach wie vor wichtig: Die Teilung ist ja für viele Menschen gerade in Berlin noch sehr präsent, aber für unsere Zielgruppe, Jugendliche, wahnsinnig weit weg. Uns geht es darum, einen Zugang zu schaffen. Der Ausgangspunkt sind persönliche Geschichten und die Frage: Was bedeutet die DDR für uns heute?
Was ist Ihr biografischer Hintergrund?
KELLE: Ich bin erst 1990 geboren und im Westen aufgewachsen. Mein Vater hat allerdings in West-Berlin gelebt. Mein älterer Bruder hatte einen Kinderreisepass mit ganz vielen DDR-Stempeln – mein Reise-pass war leer. Ich war ganz neidisch, weil diese Grenze nicht mehr da war und ich das nicht erleben konnte. Gleichzeitig hat man im Westen gelernt: „Das ist vorbei und hat mit uns sowieso nichts zu tun.“ Aber da fängt für mich der Fehler an – denn es hat ja sehr viel mit uns zu tun.
Wie war es bei Ihnen, Marcus Thomas?
MARCUS THOMAS: Als die Mauer gefallen ist, war ich sechs Jahre alt. Ich bin Ost-sozialisiert und auf dem Land zwischen Dresden und Leipzig aufgewachsen. In der Schule wurde kaum über die DDR gesprochen. Aber ich hatte einen Deutschlehrer, der Musikfan war. Er hat uns tolle DDR-Musiker vorgestellt wie die Klaus Renft Combo, Silly, Sandow oder Gundermann. So habe ich die Geschichte der DDR durch den Filter der Pop-Musik kennengelernt und auch durch die Texte, die ja oft versteckte Botschaften transportiert haben. Diese Songs wollen wir auch aufgreifen.
Wie funktioniert das dann im Stück?
THOMAS: Wir arbeiten viel mit „Erinnerungsschnipseln“: Was ist überhaupt bei uns hängen geblieben, welche Bilder haben wir noch im Kopf? Eine unserer Spielerinnen hat als Kind die Ausreise aus der DDR erlebt. Eine andere ist erst nach der Wende geboren. Sie würde gern das Land kennenlernen, in dem ihre Eltern geboren sind, aber das Land gibt es nicht mehr. Wir haben also verschiedene Hintergründe, aber es gibt etwas, das uns alle verbindet. Vieles davon sind Bruchstücke. So wollen wir auch mit dem musikalischen Material umgehen: Da wird nur kurz mal eine Strophe gesungen oder ein Refrain. Es geht darum, ein Gefühl oder eine Stimmung rüberzubringen. Wir wollen uns die Songs so aneignen, dass sie auch von heute sein könnten, auch vom Sound her.
KELLE: Wir haben Interviews geführt mit Menschen, die sehr unterschiedliche Leben in der DDR geführt haben. Ich war erstaunt, wie offen und viel mir erzählt wurde und habe gemerkt, dass im Prinzip jede:r eine eigene Geschichte von der DDR erzählen kann und diese oft nur begrenzt etwas mit den gängigen Narrativen zu tun hat. Wir versuchen im Stück auch Stimmen zu Wort kommen zu lassen, die sonst vielleicht nicht so präsent sind.
Wie wurden die Interviews genutzt?
THOMAS: Die spielen mit hinein, aber die Ausgangsposition ist: Wir sind drei Freunde, die sich dem Thema nähern. Und wir gucken, was sind unsere Erinnerungen, was verbindet uns? Dabei schlüpfen wir auch mal in die Rolle einer interviewten Person. Eine Person aus dem Team hat die Stasi-Akte ihrer Eltern mitgebracht. In einer Szene, in der es darum geht, von der Stasi verhört zu werden, zitieren wir dann aus diesen Unterlagen. Wir öffnen Szenen auch ins Publikum, um die Jugendlichen einzubeziehen, und fragen: „Wie hättet ihr gehandelt?“ Und dabei versuchen wir Übersetzungen zu finden, um Verhältnisse, Situationen und Strukturen aus der Vergangenheit erfahrbar zu machen für Jugendliche. Eine Szene ist eine Art Gedankenexperiment, das sich mit einer Flucht aus der DDR beschäftigt – und der Frage: Was sind wir bereit aufzugeben und wofür? Eine andere befasst sich mit dem Thema Reisefreiheit. Dass es nicht möglich war, einfach überall hinzureisen, können wir uns ja heute gar nicht mehr vorstellen. Gleichzeitig wird der Ruf nach geschlossenen Grenzen wieder größer, aber dass das auch Auswirkungen auf das eigene Leben hat, wird oft nicht mitgedacht.
Wie stark spielt die aktuelle politisch-gesellschaftliche Situation mit hinein?
KELLE: Das war auch ein Grund, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Ich finde erstaunlich, wie man in Probenprozessen manchmal den Eindruck bekommt, von der Realität eingeholt zu werden. Wir haben gerade eine Szene zum Thema Redefreiheit entwickelt und geprobt, als bekannt wurde, dass drei Buchhandlungen vom Deutschen Buchhandlungspreis ausgeschlossen wurden aufgrund von „verfassungsschutzrelevanten Erkenntnissen“. Die Parallelen sind erschreckend. Wir fragen uns, ob Jugendliche, die in den Sozialen Medien dauernd Fotos und Videos hochladen, ein Gefühl dafür haben, dass das auch gegen sie verwendet werden kann.
Interview: Theresa Schomburg
Theater Strahl Ostkreuz Marktstr. 11, Lichtenberg, Tel. 236 34 03 01, 13.+14.4., 11 Uhr, 15.4., 18 Uhr, 18.4., 19 Uhr, 18, erm. 10 €
