Dagmar Manzel (re.) und Joachim Król als Lore und Harry. Bild: Frédéric Batier/Kordes und Kordes Film/Pandora Film
Dagmar Manzel (re.) und Joachim Król als Lore und Harry. Bild: Frédéric Batier/Kordes und Kordes Film/Pandora Film

Die Berliner Schauspielerin Dagmar Manzel über ihren neuen Film „Alte Liebe“, ihre Angst vor dem Rentendasein und die Arbeit mit Regisseur Andreas Dresen

Frau Manzel, in „Alte Liebe“ ­spielen Sie Lore, eine Frau in ­ihren 60ern, die vor einer ­großen Veränderung steht: der nahenden Rente. Sie blickt viel auf ihr bisheriges Leben zurück. Konnten Sie sich mit Lore identifizieren?


Ja, das springt einen total an. Also die ­Frage: Was passiert, wenn ich aufhöre zu ­arbeiten? Wie macht man weiter? Das ist bei mir natürlich anders, weil ich trotz ­Rente voll arbeite. Aber trotzdem kenne ich solche Gefühle, und ich sehe sie auch um mich ­herum, in meinem Freundeskreis. Es hat mir großen Spaß gemacht, das auf witzige und zugleich berührende Art zu erzählen.

Sie haben einmal ­gesagt, dass Sie als ­Jugendliche „Kulturfunktionärin“ waren und Ihre ­Mitschüler dazu animiert haben, ins Theater zu ­gehen. Lore macht etwas Ähnliches, wenn sie ihrem Mann sagt, er solle mal mehr als den Sportteil lesen …

… oder mal zu einer ihrer Lesungen gehen (lacht). Ja, das ist tatsächlich ähnlich. Ich habe damals versucht, die Leute aus ihrer Komfortzone herauszuholen, und Lore sagt ja auch ständig zu Harry: „Du verblödest langsam.“

Was ist Lores zentraler Konflikt?

Nach 40 Jahren Ehe merkt sie, dass sie und ihr Mann nebeneinanderher leben. ­Außerdem hat Lore Angst davor, in ein Loch zu fallen, wenn sie aufhört, als Bibliothekarin zu arbeiten. Ihr Mann Harry ist bereits in Rente und sehr zufrieden damit. Lore ist geprägt von ihrer Arbeit, sie hat sie gefordert, aber auch beglückt. Und ich glaube, der Grundkonflikt ist genau das: Der eine schließt Frieden mit sich und der Welt und der andere eben nicht. Dadurch entsteht dieser Schlagabtausch.

Dadurch wirkt der Film fast wie ein ­Kammerspiel.

Ja, es ist eigentlich Theater. Der Film wird von zwei Schauspielern getragen. Und die Inszenierung von Andreas Dresen ist einfach fantastisch. Es war eine tolle Zeit.

Sie meinen den Regisseur Andreas Dresen, mit dem Sie schon seit vielen Jahren befreundet und beruflich verbunden sind. Wie lange kennen Sie sich schon?

Seit 20, 30 Jahren. Ewig. Ich hatte schon zweimal mit ihm gedreht, und das waren beide Male guten Arbeiten. Über sein ­Angebot für „Alte Liebe“ habe ich mich sehr gefreut.

Wie war die Zusammenarbeit nach so vielen Jahren?

Es war so schön. Wir haben uns nichts mehr zu beweisen, sondern wollen einfach gemeinsam gute Geschichten erzählen. ­Andreas ist sowieso ein harmoniesuchender Mensch und ich auch. Auseinandersetzungen und Diskussionen sind gut, aber Streit ist überhaupt nicht unser Metier. ­Joachims auch nicht.

Im Film sind kaum Schnitte. Wie war es, das zu drehen?

Wir haben Szenen über viele Seiten ­hinweg in einem gespielt, fast wie bei einem ­Theaterstück. Dadurch kommt man gut in den Fluss und kann die Pointen gut setzen.

Das heißt, Sie mussten viel Text lernen?

Ach, wissen Sie, Kunst macht viel Spaß, aber auch viel Arbeit. Aufgrund der wenigen Schnitte mussten wir immer wissen, in welcher Situation und in welcher Phase des Films wir uns gerade befinden. Was schön ist, weil die Arbeit dadurch so ­konzentriert ist. Es hat mich sehr an Theater erinnert.

Gab es beim Spielen auch jene Momente, in denen Sie sich selbst in Lore wiedererkannt haben?

Klar. Diese kleinen Verletzlichkeiten, die man hat, und Gemeinheiten, die man sich unterschiebt. Oder Dinge, die man nie vergisst, die seit Jahrzehnten immer wieder hochkommen. Natürlich denkt man sich da: Mein Gott, dieses Thema ist doch längst gegessen.

Sie haben zu Beginn gesagt, wie berührend Sie die Erzählweise von Andreas Dresen fanden. Wie berührt waren Sie selbst beim Sehen des fertigen Films?

Der Film hat mich gekriegt und es wäre wunderbar, wenn ich damit nicht alleine bin.

Lore ist bereits zu DDR-Zeiten Bibliothekarin ­geworden, Sie Schauspielerin. Ihr Abschluss an der Schauspielschule in Ostberlin hieß „Facharbeiterin der Schauspielkunst“. Wie war das damals?

Ich finde, Facharbeiterin für Schauspielkunst ­immer noch sehr treffend. Die Ausbildung war ­legendär. Im ersten Studienjahr haben wir viel ­improvisiert. Wir hatten unglaublich gute ­Dozenten, auch Gastdozenten. Oft waren es Schauspieler aus dem Deutschen Theater, der Volksbühne oder dem Berliner Ensemble. Und das war natürlich fantastisch: mit Schauspielern zu arbeiten, die man zuvor selbst auf der Bühne gesehen hatte.

Ging es dann direkt mit einem Engagement weiter?

Ich war schon während des dritten Studienjahrs für zwei Rollen in Dresden engagiert. Es war eine andere Zeit damals: Du bist nicht nur für ein oder zwei Jahre engagiert worden. Wenn es gut lief, wurdest du übernommen – bis zur Rente.

Was bedeutete das für Ihre Entwicklung als Schauspielerin?

Es war jedenfalls etwas Besonderes, dass ein ­Ensemble so lange mit denselben Schauspielern gearbeitet hat. Die Regisseure und Schauspiel­direktoren haben sich damals richtig überlegt: Was wäre gut für meine Entwicklung, was könnte ich als Nächstes spielen? Das war ein Geschenk.

Kommen wir zum Schluss noch einmal zu Lore zurück: Wenn Sie sie heute treffen könnten, was würden Sie sie gerne fragen?

Ich würde sie fragen, ob sie ihren Frieden ­gefunden hat.

Zufriedenheit ist aber ein Thema, das jeden betrifft – unabhängig vom Alter.

Ja, das fragt sich jeder. Wann kommt der Moment, in dem ich sage: Es ist gut so, wie es ist? In dem ich nicht mehr neidisch bin, in dem ich Dinge abgebe, in dem ich mir Dinge gönne. Und diesen Moment zu finden, das ist auch Lore. Am liebsten würde man ihr ja sagen: Entspann dich, du drehst dich im Kreis. Aber so einfach ist das nicht für sie.

Und die Vergangenheit lässt sich auch nicht mehr ändern…

Stimmt, und das klingt auch ein wenig melancholich, aber in einer Welt ohne Melancholie würden die Nachtigallen anfangen zu rülpsen.