
Nicht nur uns Menschen setzt die große Hitze zu – auch Berlins Stadtbäume leiden darunter. Vegetationsforscher Norbert Kühn erklärt, worauf es jetzt ankommt
Berlin ist eine grüne Stadt – sehr grün sogar. Rund ein Drittel des Stadtgebiets besteht aus Wäldern, Parks, Gärten und anderen Grünflächen.
„Ich glaube, darauf hat sich die Politik aber auch viele Jahre lang ausgeruht“, sagt Norbert Kühn von der Technischen Universität (TU) Berlin. „Und zu wenig getan, um das Grün gesund zu halten.“ Kühn ist seit 2003 Leiter des Fachgebietes Vegetationstechnik und Pflanzenwerdung an der TU. Besonders besorgt zeigt sich der Forscher über eine neue Entwicklung: verbrannte Blätter an den Bäumen. Erkennen könne man sie an ihrer braunen Färbung. „Das gab es bisher noch nie.“
Auch unabhängig von solch offensichtlichen Schäden, brauche man nur aufmerksam durch die Straßen gehen: „Dann wird Ihnen auffallen, dass die Kronen licht, viele Blätter gelb verfärbt oder manche Bäume für ihr Alter viel zu klein sind.“ Kühns Diagnose: Die Bäume stehen unter Stress. Genauer: Trockenstress.
Wer sich an den bisherigen Sommer zurückerinnert, wird feststellen: Es hat kaum geregnet. Die erste Hitzewelle kam bereits im Juni – der 28. Juni markierte dabei einen historischen Höchstwert. In Sachsen-Anhalt wurden 41,8 Grad Celsius gemessen, so viel wie nie zuvor seit Beginn der Wetteraufzeichnungen in Deutschland.
„Ab 40 Grad wird es für Bäume wirklich grenzwertig“, sagt Kühn. Dennoch lasse sich ihr schlechter Zustand nicht allein auf eine oder zwei Hitzewellen zurückführen. „Und natürlich gibt es auch andere Einflüsse wie Schädlinge oder Krankheiten.“ Der allgemeine Rückgang der Vitalität der Berliner Stadtbäume hänge aber eindeutig mit dem zunehmenden Stress durch die Klimaveränderungen zusammen. 2020 hat der Zustand der Bäume einen Tiefpunkt erreicht, so der TU-Professor. Seitdem hätten sich die Werte zwar stabilisiert: „Aber sie sind trotzdem auf dem schlechtesten Niveau seit rund 30 Jahren.“
Die Leidtragenden sind wir Menschen
Diese Zahl ist kein Zufall: Seit Beginn der 90er-Jahre zeichnen sich vermehrt Hitze-Extreme ab. Was früher ein extrem heißer Sommer war, ist heute ein durchschnittlicher, schreibt der Deutsche Wetterdienst auf seiner Website. Menschen in ihren 30ern werden sich erinnern: Zu Schulzeiten waren noch Temperaturen über 30 Grad außergewöhnlich. Heute ist das normal. In Berlin hat sich die Zahl der Hitzetage in den letzten Jahrzehnten in etwa verdoppelt.
„Den Böden wurden in den vergangenen zehn bis 15 Jahren große Mengen Wasser entzogen. Gleichzeitig können Bäume ihre Verdunstung nicht einfach einstellen.“ Bäume sind darauf angewiesen, Wasser über ihre Wurzeln aufzunehmen. Fehlt dieses Wasser, reagieren sie mit den von Kühn genannten Stresssymptomen: Sie werfen Blätter ab, verlieren Äste und können im schlimmsten Fall absterben.
Neben den Bäumen selbst sind die Leidtragenden dieser Klima-Folgen letztlich wir, die Menschen. Ein großer, alter und gesund entwickelter Baum bietet die wichtigsten Leistungen unseres Ökosystems, erklärt Kühn: „Er verdunstet Wasser und trägt dadurch zur Kühlung der Umgebung bei.“

