Immer mehr Kriminalität auf der Straße und zunehmender Protest wegen Mietsteigerungen: Die Gegend am Kottbusser Tor kommt nicht zur Ruhe. Viele Anwohner lieben ihren Kiez und setzen sich für Verbesserungen ein.

Irgendwas ist immer und irgendwas war auch immer in den vergangenen 30 Jahren am Kotti. Damals waren es die Junkies und die Punks und jetzt sind es die Antänzer, eine neue Art der Straßenkriminalität. Dies war auch ein wichtiges Thema bei der Podiumsdiskussion im obersten Stock im Friedrichshain-Kreuzberg Museum (FHXB). Dass den Anwohnern ihr Kottbusser Platz immer noch am Herzen liegt, beweist der Andrang zu der Veranstaltung. Das Museum musste sogar wegen Überfüllung geschlossen werden.

Mehr Polizei

„Die Politik sollte eine Perspektive, Ausbildungs- und Arbeitsplätze für die jungen Menschen schaffen, dann würden viele von ihnen nicht auf die schiefe Bahn geraten“, sagt ein Anwohner. Die Straßenkriminalität in dem Kiez am U-Bahnhof Kottbusser Tor war am Montag auch Thema im Innenausschuss. Innensenator Frank Henkel (CDU) sagte, dass die Polizei ihre Präsenz dort deutlich gesteigert habe.

Dem Grünen-Abgeordneten Benedikt Lux ist dies aber immer noch zu wenig. Am Kottbusser Tor seien die Beamten zum Beispiel in den ersten elf Monaten 2015 nur 3.400 Stunden im Einsatz gewesen, am Görlitzer Park, in dessen Umfeld sich immer noch viele Drogenhändler tummeln, hingegen 30.000 Stunden. Die für den Platz zuständige Leiterin des Polizeiabschnitts 53, Tanja Knapp, bestätigt die zunehmende Straßenkriminalität. In einem Bericht an die Hausverwaltungen heißt es, dass dies besonders die Gewerbemieter aus der Gastronomie in existentielle Bedrängnis bringe. Die drei für das „Neue Kreuzberger Zentrum“ (NKZ) zuständigen Hausverwaltungen reagierten prompt. Sie wollen einen privaten Wachschutz engagieren, der für mehr Sicherheit sorgen soll. Die vier Wachleute kosten monatlich 20.000 Euro.

Im Stich gelassen

Auch bezahlbare Wohnungen sind immer noch ein großes Thema. „Die Menschen hier fühlen sich häufig von der Politik im Stich gelassen, die Platz schaffen will für ein neues, durchgentrifiziertes Kreuzberg“, sagt die Moderatorin der Podiumsdiskussion, Kristine Jaath, Vorsteherin der BVV Friedrichshain-Kreuzberg und Grünen-Politikerin. „Wir wollen unsere Häuser zurück“, fordert eine Vertreterin der Mietergemeinschaft Kotti & Co. Die Häuser wurden 2003 an die GSW verkauft. Und seitdem die städtische Wohnungsbaugesellschaft an die Börse gegangen sei, sei alles zu sehr auf Profit ausgerichtet. „Wir müssen uns als Mieter organisieren, die Stadt gehört uns.“

Saubere Flure

Kritische Zustände entstehen oft bei Isolation und Vereinzelung. Danach sah es während der Podiumsdiskussion allerdings überhaupt nicht aus. Viele Menschen mit Heimatgefühl waren gekommen, es wurde kontrovers argumentiert und es war eine deutliche Multikulti-Toleranz zu spüren. Und wer die Treppenflure am NKZ kennt, weiß, dass es dort schon lange nicht mehr so schlimm aussieht wie vor ein paar Jahren: Es liegen keine Spritzen und keine Alufolie mehr herum für die harten Drogen. Dafür schwärmen die Menschen von den türkischen Familienfeiern und dem kleinen versteckten Dönerladen in der Skalitzer Straße, der als bester von ganz Kreuzberg gilt.

Anne-Lydia Mühle / Bild: imago/ Hoch Zwei Stock/Angerer / Bild: Nils Michaelis