„Von der Politik erwarte ich gar nichts“

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Siebert Serie
Ulrich Kienzl (links) mit Schwiegereltern und Ehefrau Anke Siebert (r.). Bild: Bäckerei Siebert

Anke Siebert und Ulrich Kienzl führen Berlins älteste Bäckerei in Familienbesitz. Seit 1906 setzt man in der Schönfließer Straße auf Qualität.

Explodierende Energie- und Rohstoffpreise, durchbrochene Lieferketten, Fachkräftemangel: Vor allem kleine und mittelständische Firmen stehen vor großen Herausforderungen. Wir erkunden in dieser Serie, wie sich Handwerker, Unternehmensinhaber und Firmenchefs auf die aktuellen Probleme einstellen. Diesmal: Ullrich Kienzl, Bäckerei Siebert.

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Geschnitten Brot

Es ist Freitagmorgen gegen 8 Uhr und wie immer hat sich in der Schönfließer Straße, wenn die Bäckerei Siebert geöffnet hat, eine Menschlange gebildet. Im Laden selbst geht‘s hoch her.

Vier Verkäuferinnen bedienen gleichzeitig, ein junger Bäckersbursche schüttet noch ofenwarme Schrippen in einen Brötchenkorb, ein Kollege stapelt ein paar frische Kastenweißbrote ins Regal.

Hier läuft‘s ja wie „geschnitten Brot“, denke ich mir – und muss mich doch ein wenig später eines Besseren belehren lassen.


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Teure Rohstoffe

Man sieht Ulrich Kienzl nicht wirklich an, dass er seit gut sieben Stunden auf den Beinen ist. Seit er und seine Frau Anke Siebert die Bäckerei von Schwiegervater Lars übernommen haben, hat sich seine Einstellung zu seinem „neuen“ Beruf nicht geändert.

„Als Bäcker zu arbeiten, macht mir immer noch riesigen Spaß. Außerdem haben wir ein tolles Team“, schwärmt der studierte Linguist, den es der Liebe wegen vom heimischen Südtirol nach Berlin verschlagen hat.

Seine Sorgen, die ihn aktuell umtreiben kann und will er dennoch nicht verbergen. Auch, weil sie symptomatisch sind fürs Bäckereihandwerk. So ist der Preis für Mehl um 125 Prozent gestiegen, der für Zucker hat sich verdoppelt. Speiseöl und Speisefett sind 50 Prozent teurer geworden und dann hat der Vermieter die Ladenmiete unlängst um 30 Prozent erhöht.

Und auch die Mitarbeiter wollen mehr Geld. „Das kann ich verstehen“, sagt Kienzl, „schließlich wird auch für sie das Leben immer teurer.“

Dreimal „sehr gut“

Sein größtes „Sorgenkind“ allerdings ist der 25 Jahre alte Backofen, der mit Gas läuft. Auch hier, vermutet Kienzl, ist mit der jüngsten Verteuerung um 30 Prozent noch nicht das letzte Wort gesprochen.

Natürlich würde er einen wie immer gearteten Energiepreisdeckel begrüßen. Doch eigentlich, so der 42-Jährige, „erwarte ich von der Politik gar nichts“. Die Sieberts setzten, wie seit der Gründung der Bäckerei im Jahr 1906, lieber weiterhin auf Qualität.

Gerade erhielten sie beim Brötchentest der Bäckerinnung dreimal ein „Sehr gut“. Die Urkunden wird Ulrich Kienzl im Laden präsentieren. Auch, um die Kunden davon zu überzeugen, trotz gestiegener Preise weiterhin hier einzukaufen.

„Wir merken schon, dass weniger Leute kommen“, sagt der Bäckermeister, bei dem die beliebte Ostschrippe inzwischen 40 Cent kostet. Das aber hat die Schlange vorm Laden zum Glück noch nicht wirklich kleiner werden lassen.

Text: Ulf Teichert

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