Als der Kaisersaal auf Wanderschaft ging

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Die kaiserliche Pracht stand den Plänen für den neuen Potsdamer Platz im Wege. Collage: BAB, IMAGO/agefotostock, CommonsWikimedia/Bundesarchiv
Die kaiserliche Pracht stand den Plänen für den neuen Potsdamer Platz im Wege. Collage: BAB, IMAGO/agefotostock, CommonsWikimedia/Bundesarchiv

Berlin ist bekanntlich ständig im Werden, also in Bewegung. Während der 90er-Jahre ließ sich das besonders eindrucksvoll am Potsdamer Platz beobachten.

Aus einer Einöde am früheren Mauerstreifen wurde ein, nun ja, neues Stadtviertel mit allerlei Konsum- und Unterhaltungsetablissements. Und das Sony-Center zum Aushängeschild.

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Während der jahrelangen Bauarbeiten geriet ein prominenter Gebäudetrakt nicht nur im übertragenen Sinne, sondern sprichwörtlich in Bewegung. „Der Salon des Kaisers ist reisefertig“, hieß es Anfang März 1996 in der Zeitung „Die Welt“. Der Bericht bezog sich auf die Verschiebung des Kaisersaals in das Sony-Center. Diese Maßnahme gilt bis heute als eine technische Meisterleistung.

Beim Planen vergessen

Der Kaisersaal zeugt wie kaum ein anderer Ort von der glamourösen Vergangenheit des Potsdamer Platzes. Kaiser Wilhelm II. hielt dort exklusive Herrenabende ab. In den 20er-Jahren tanzten Filmstars wie Greta Garbo und Charlie Chaplin in dem Bau, der zum Grand Hotel Esplanade gehörte. Davon war nach dem Zweiten Weltkrieg nicht viel übrig. Bomben hatten das Hotel zerstört, nur Kaisersaal, Frühstückssaal, Treppenhaus und Wäscherei standen noch.

Nach dem Mauerfall kam der Kaisersaal unter Denkmalschutz. Ansonsten wäre er wohl längst verschwunden. Bei der Neuplanung des Potsdamer Platzes wurde er vergessen. So entstand der Plan, ihn zu verschieben.

Europas größte Baustelle

Im März 1996 wurde der 1.300 Tonnen schwere Bau mit Luftkissen angehoben und um 76 Meter ins Sony-Center verschoben. Rund 50 Millionen D-Mark ließ sich Sony die Aktion im Herzen von Europas größter Baustelle kosten.

Die Vorbereitungen nahmen mehrere Monate in Anspruch. Statiker ließen den zweistöckigen Saal mit Stahlstreben aussteifen, Restaurateure sicherten die Stuckornamente ab. Alle umliegenden Gebäudereste wurden abgerissen.

Im Jahr 2000 wurde der Saal renoviert und ging wieder als edler Veranstaltungsort an den Start. Der Neubau des Grand Hotel Esplanade hatte bereits 1988 nahe dem ursprünglichen Standort seine Pforten geöffnet.

Vom einstigen Glamour des Potsdamer Platzes ist allerdings wenig geblieben.

Text: Nils Michaelis

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