An Berlins Rändern wächst die Not

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Abgehängt am Stadtrand: Viele sozial benachteiligte Menschen werden sich selbst überlassen. Bild: IMAGO/photothek
Abgehängt am Stadtrand: Viele sozial benachteiligte Menschen werden sich selbst überlassen. Bild: IMAGO/photothek

In den Berliner Außenbezirken leben immer mehr Bedürftige, doch die soziale Infrastruktur hält dem Wachstum nicht stand. Kiez-Akteure aus Reinickendorf und Marzahn-Hellersdorf schlagen Alarm.

In der Rollberge-Siedlung wachsen die Müllberge an Straßen und Wegen.Für manch einen, der schon länger in dem Hochhauskiez im Norden von Reinickendorf zu Hause ist, spiegelt sich in derlei Zeichen von Verwahrlosung eine Veränderung wider, die in vielen Großsiedlungen am Stadtrand zu beobachten ist.

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Zuzug erreicht dramatisches Ausmaß

Einst lebten in vielen Berliner Kiezen Menschen aus verschiedenen sozialen Schichten dicht beieinander. Doch von dieser „Berliner Mischung“ ist kaum etwas geblieben. Wer ein kleines Einkommen oder Transferleistungen bezieht, wird angesichts galoppierender Mieten zunehmend an den Stadtrand gedrängt. Das ist lange bekannt.

Statistische Angaben der Agentur für Arbeit, die rbb24 jetzt ausgewertet hat, führen allerdings das dramatische Ausmaß dieser Wanderungsbewegung, die längst auch Menschen mit kleinem oder mittlerem Einkommen erfasst hat, vor Augen.

Demnach wohnten im Jahr 2020 etwa 35.000 Bezieher von Arbeitslosengeld II weniger in der Innenstadt als 2007. In den Außenbezirken nahm ihre Zahl um 28.000 zu. In Mitte lag das Minus bei 14.283 Menschen und in Friedrichshain-Kreuzberg bei 13.624 (Neukölln: 7.254). Im Gegenzug wurden in Marzahn-Hellersdorf 10.281 zusätzliche Leistungsempfänger gezählt. Spandau verzeichnete ein Plus von 9.881. Reinickendorf kam auf 7.679.

Sozialer Sprengstoff am Stadtrand

Wenn sich Menschen, die am Rande des Existenzminimums leben, in einem Kiez ballen, steckt darin sozialer sowie integrations- und bildungspolitischer Sprengstoff. Viele arme Familien bedeuten eben auch viele Kinder, die Förderung brauchen.

Gerade daran hapert es in der Rollberge-Siedlung. Die Zahl der Bedürftigen wächst, doch die öffentliche Infrastruktur wächst nicht mit. Viele der etwa 6.000 Einwohner in diesem abgehängten Teil des Ortsteils Waidmannslust fühlen sich im Stich gelassen.

Kleine Lichtblicke in der Rollberge-Siedlung

Auch die Menschen, die vor Ort an Verbesserungen arbeiten, stehen vor großen Herausforderungen. „Die soziale Infrastruktur in der Rollberge-Siedlung wurde seit Jahren nicht ausgebaut, es gibt viel zu wenig Beratungsangebote“, sagt Felix Bergemann vom Quartiersmanagement (QM) Titiseestraße.

Vor zwei Jahren wurde das QM eingerichtet. Bergemann und sein Team erarbeiteten mit den Bewohnern einen Aktionsplan zur Verbesserung der Lebensqualität. Ein Projekt gegen die Vermüllung wurde gestartet. Bildungslotsen machen ausländische Familien, darunter viele Geflüchtete, mit Kitas und Schulen vertraut. Es sind Lichtblicke.

Bei vielen Familien in der Rollberge-Siedlung oder in Hellersdorf ist das Geld knapp. Sie sind auf kostenlose Freizeitangebote angewiesen. Bild: IMAGO/photothek
Bei vielen Familien in der Rollberge-Siedlung oder in Hellersdorf ist das Geld knapp. Sie sind auf kostenlose Freizeitangebote angewiesen. Bild: IMAGO/photothek

Doch Bergemanns Bild von der Gesamtlage ist düster. Die ohnehin spärliche Infrastruktur sei hoffnungslos überlastet. In dem Quartier fehle es an allem: an Kitaplätzen, aber auch an Bewegungs- und Begegnungsangeboten für Kinder, Jugendliche und Senioren. Der Grund: Die Sporthalle der Grundschule in den Rollbergen ist die einzige in dem Kiez.

Kostenlose Angebote vor Ort

Weil die Hallenzeiten knapp sind, kann das QM während der kalten Jahreszeit gerade mal vier Sportangebote ermöglichen. Anderen Initiativen geht es nicht besser. „Der Jugendclub wartet seit vier Jahren auf Hallenzeiten, um die Kids dort Fußball spielen zu lassen“, sagt Bergemann. Derlei kostenlose Angebote vor Ort seien wichtig, weil viele Familien weder das Geld für den Sportverein hätten noch ausreichend mobil seien.

Neben dem Familienzentrum „Face“, das auf einen Neubau wartet, will auch das Unionhilfswerk Berlin verhindern, dass der Kiez mit rund 70 Prozent Kinderarmut und 25 Prozent Transferleistungsempfängern weiter kippt. Seit knapp einem Jahr unterhält die Stiftung ein Stadtteilbüro am Zabel-Krüger-Damm 50. Dort gibt es unter anderem eine Mieterberatung.

Um ein breites Angebot, gerade auch für Senioren, zu ermöglichen, möchte das Unionhilfswerk in einem größeren Objekt ein Stadtteilzentrum errichten. Doch Gewerberäume sind rar. Mit der Gewobag laufen Verhandlungen über eine Immobilie am Zabel-Krüger-Damm 52.

Not erreicht neue Qualität

Auch in Hellersdorf wächst die Not. Das Kinder- und Jugendprojekt „Die Arche“ kämpft seit Mitte der 1990er-Jahre dagegen an. Für „Arche“-Gründer Bernd Siggelkow birgt die aktuelle Situation eine neue Qualität.

„Wir haben immer mehr Zulauf, derzeit sind es rund 300 Tagesbesucher“, sagt Siggelkow. „Jedes Kind darf einmal pro Woche zu uns kommen. Hier bekommt es eine warme Mahlzeit, kann in Ruhe Hausaufgaben machen oder Freizeitaktivitäten nachgehen.“

Seit der Pandemie seien viele dieser ohnehin schon abgehängten Kinder im Kiez schlechter in der Schule, ihnen sei die Förderung weggebrochen. „Die Familien, die von Transferleistungen abhängig sind, leiden besonders unter den gestiegenen Preisen für Lebensmittel und Energie“, so Siggelkow.

Soziale Infrastruktur wächst nicht mit

Dass neben bedürftigen Familien zunehmend auch Menschen aus der Mittelschicht in die östliche Peripherie ziehen, überrascht ihn nicht. Gleichwohl fordert Siggelkow Konsequenzen: „Wer irgendwo Wohnraum für 15.000 Menschen schafft, sollte bedenken, dass davon rund 3.000 Kinder sind. Diese Kinder müssen mitgedacht werden.“

Allein rund um den „Arche“-Standort an der Tangermünder Straße entstehen derzeit rund 2.000 Wohnungen. Auch dort wächst die öffentliche Infrastruktur nicht mit. „Die sozialen, Bildungs- und Kulturangebote für junge Menschen sind überschaubar“, sagt Siggelkow. Mit dem Bau einer eigenen Kita will „Die Arche“ ihren Teil leisten, um dem Zuzug zu begegnen.

Senator Geisel will Zuzug begrenzen

Stadtentwicklungssenator Andreas Geisel (SPD) ist für eine Begrenzung des Zuzugs bedürftiger Menschen in Problemkieze am Stadtrand. Bergemann denkt ähnlich. Wie das gehen soll, lässt Geisel offen. Bei der Bewältigung der aktuellen Probleme verlässt er sich auf die jeweiligen QM-Standorte.

Dirk Stettner von der Berliner CDU-Fraktion fordert, den Anteil von Mietern mit Wohnberechtigungsschein in der City deutlich zu erhöhen und in den Außenbezirken zu reduzieren. Zehntausende Dachgeschossrohlinge gebe es in der Innenstadt, deren Potenzial müsse genutzt werden. Aufstockungen und Nachverdichtung seien zu forcieren.

Text: Nils Michaelis

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