Jugend im Parlament: Zwischen Engagement und Work-Life-Balance

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Klara Schedlich und Niklas Schenker im Gespräch mit dem Berliner Abendblatt.
Klara Schedlich und Niklas Schenker im Gespräch mit dem Berliner Abendblatt.

Das neue Abgeordnetenhaus ist jünger und weiblicher als je zuvor. Die Parlaments-Neulinge Klara Schedlich (22, Grüne) und Niklas Schenker (29, Linke) erzählen im Gespräch mit dem Berliner Abendblatt, wie sie die Zukunft Berlins mitgestalten wollen, wo sie ihre Schwerpunkte setzten und wie das Privatleben mit dem Job vereinbar ist. 

Beide berichten von einem vollgepackten Tag, der oft schon um acht Uhr morgens beginnt. Von Sitzungen in den Fraktionen und Ausschüssen bin hin zu Koalitionsbesprechungen hetzten die Maschinenbau-Studentin und der studierte Politikwissenschaftler jeden Tag von einem Meeting zum anderen und treffen sich oft noch bis in den späten Nachmittag hin mit Vertretern von Verbänden und Vereinen, um über Projekte zu sprechen und sie, wenn möglich, zu unterstützen. Niklas Schenker schwärmt trotz des Pensums, dass kein Tag ist, wie der andere: „Ich darf mich jeden Tag mit anderen und spannenden Themen beschäftigen, was ich als großes Privileg empfinde.“

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Frühe Jugend

Klara Schedlich, die jüngste von 147 Berliner Abgeordneten, ist seit vier Jahren politisch aktiv und hat in der Ortsgruppe der Grünen Jugend Reinickendorf und Pankow begonnen. Die 22-Jährige merkte bald, dass dies ihre große Leidenschaft ist: „Während meines Auslandssemesters in Zagreb konnte ich mich nicht großartig politisch engagieren. Mir wurde schnell klar, dass mir Politik fehlt und ich mehr als nur ein Ehrenamt ausfüllen will. Damals habe ich mich entschieden, mich zur Wahl aufstellen zu lassen.“

Auch Niklas begann sein politisches Engagement früh. Der heute 29-Jährige sammelte erste Erfahrungen im Kinder- und Jugendparlament Charlottenburg sowie in der Antifa-Szene. Für ihn ist Die Linke die einzige Partei, „die ihren Fokus auf soziale Gerechtigkeit setzt und einen antifaschistischen Background hat“.

Klara hingegen ist zu den Grünen gekommen, weil die sich aus ihrer Sicht am besten für die Stärkung der Berliner Schulen einsetzen: „Bloß, weil man nicht mehr betroffen ist, heißt es noch lange nicht, dass man die Probleme der nächsten Generation überlassen muss.“

Konkrete Ziele

Wie Klara auch setzt sich Niklas in seiner Ausschuss-Arbeit dafür ein, Berlin zu einer sozialeren Stadt zu entwickeln. Der 29-Jährige ist unter anderem in dem Ausschuss für Stadtentwicklung und Wohnen und will alles daransetzten, den Volksentscheid zur Enteignung der großen privaten Wohnungsunternehmen zu realisieren. „Die Berliner haben mit einer überwältigen Mehrheit für die Vergesellschaftung großer Wohnungsunternehmen gestimmt“, argumentiert Niklas.

„Nun ist es unsere Aufgabe als Linke, dies zu verwirklichen und bezahlbaren Wohnraum für Berlin zu schaffen.“ Auch die Mobilitätswende muss „so schnell wie möglich angepackt werden“. Für Niklas sind sichere Radwege ein erster Schritt in die richtige Richtung.

Klara hingegen möchte sich unter anderem im Sport-Ausschuss um die vernachlässigten Sportstätten Berlins kümmern. Außerdem möchte sie den Sport als Chance für gelebte Inklusion mehr in den Fokus rücken. „Dem Thema Sport wird meines Erachtens oft zu wenig Achtung geschenkt“, glaubt Klara. „Hier kommen Leute zusammen, die sich im normalen Leben nicht treffen würden. Damit bietet er eine Plattform für die Begegnung und den Austausch aller Menschen dieser Stadt und ist außerdem wichtig für die physische und psychische Gesundheit.“

Eines ihrer großen Anliegen ist es auch, die berufliche mit der allgemeinen Bildung gleichzustellen und „vor allem Schulabbrecher mit niedrigschwelligen Angeboten aufzufangen“.

Auf Augenhöhe

Auf die Frage, wie die deutliche Mehrheit der älteren Abgeordneten auf die neue Kollegen-Generation reagiert hat, berichten beide von hauptsächlich positiven Signalen und eine funktionierende generationsübergreifende Zusammenarbeit. So betont Klara, dass es in ihrer Partei viele junge Mitglieder gibt. Dennoch könnte es vorkommen, dass ältere Parteimitglieder anfangs irritiert seien, „wenn so ein junger Mensch wie ich für etwas verantwortlich ist und die Kommunikation nur über mich läuft.“

Auch Niklas beschreibt das Arbeiten mit älteren Parteikollegen oder Abgeordneten als „respektvolles Miteinander auf Augenhöhe“. Auch er fühlt sich in seiner Partei als gleichberechtigtes Mitglied und schätzt das konstruktive Diskutieren im Abgeordnetenhaus, bei dem er sich „immer ernstgenommen fühlt“.

Auch das gängige Vorurteil der politisch-desinteressierten Jugend stimmt laut Schedlich und Schenker „einfach gar nicht mehr“. Von jungen Menschen initiierte Bewegungen wie Fridays for Future oder Black Lives Matter haben gezeigt, dass die Jugend politischer denn je ist und die Beseitigung von Problemen nun selbst in die Hand nehmen.

Gesunde Balance

Auf die Frage, wie sie ihr Privatleben mit dem kräftezehrenden Beruf des Politikers vereinbaren, haben Klara und Niklas eine nahezu identische Antwort gegeben. Beide empfinden es als ein sehr großes Privileg, im Abgeordnetenhaus sitzen zu dürfen. Für sie ist klar, dass sie – vorerst – ihr Privatleben hintenanstellen. Dennoch würden sie es genießen, mit Gleichaltrigen in Wohngemeinschaften zu leben. Beide glauben, eine gesunde Work-Life-Balance gefunden zu haben und „halten den Sonntag für Privates frei.“

Text: Felicia Okcu, IMAGO/ Jürgen Ritter

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