Icedipping: Der Frostschock in Hüfthöhe

icedippers
Die Icedippers im Plötzensee.

Die Wim-Hof-Methode erinnert in ihren Grundzügen ein wenig an Kneipp-Kuren. Icedipping oder Eisbaden nennt sich der eiskalte Badespaß, der auch in Berlin immer beliebter wird. Wir waren bei solch einem „coolen“ Badetermin an einem kalten Januarmorgen dabei.

Samstagfrüh zehn Uhr am Ufer des Plötzensees: Die Lufttemperatur beträgt vier, die Wassertemperatur zwei Grad. Rund zwanzig Menschen versammeln sich am Steingarten, einem mit Mauern versehenem Uferstück gegenüber dem Weddinger Traditionsstrandbad.  Alle schauen hinaus aufs Wasser. Das ist sehr klar. Übungsleiter Simon spricht vor der Gruppe. Jeder einzelne hat hier das eine Ziel: Ein Bad im bitterkalten Wintersee, dessen dünne Eisschicht den Beweis liefert, dass es in der vergangenen Nacht noch viel kälter gewesen sein muss.

„Ob ihr nun 15 Sekunden oder zwei Minuten im Wasser bleibt, ist egal. Hauptsache ihr setzt euch diesem kurzen Moment der Kälte aus. Der lässt unsere Körper danach ein Stückchen freier fühlen“, sagt Simon, der seit vier Jahren in den Wintermonaten zu diesem und anderen Eisbadeterminen einlädt.

Erst einmal Durchatmen

Zum Auftakt des frostigen Badespaßes gibt es Atemübungen, die ein wenig an Yoga erinnern: 30 mal ganz tief ein- und ausatmen und zum Schluss die Luft anhalten.

„Konzentriert euch und haltet den Atem so lange an, wie es geht. Wenn es im Magen prickelt und in den Zehen und Fingern kribbelt, dann ist das genau richtig“, sagt Simon. In einer Serie von drei Durchgängen pumpen die Teilnehmer den Sauerstoff auf diese Art durch ihre Körper. „Wir versuchen jede Zelle im Körper zu erreichen. Der Stoffwechsel wird angekurbelt und macht das anschließende Eisbaden so zum Genuss“, erklärt der Übungsleiter, der nun zum Hauptteil des Termins überführt.

Der Gang ins kalte Nass

„Wer will, zieht sich ganz aus. Wer das nicht will, geht halt mit Badesachen“, leitet er an. Binnen weniger Sekunden stehen alle Teilnehmer der Gruppe mehr oder weniger nackt an der Ufermauer und schreiten fast gleichzeitig ins bitterkalte Nass. Das Wasser ist hier hüfthoch – Schwimmen muss hier niemand. Einige tauchen ganz hinein, andere Eisbader stehen einfach nur regungslos im Wasser. Die ersten Badenden sind bereits nach zehn Sekunden zurück am Ufer. Konstantin aus Britz ist einer von ihnen: „Ich bin sehr zufrieden. Es geht ja um den Schockmoment, den ich dem Körper gönne. Und der war sehr angenehm“, sagt der 67-Jährige, der an diesem Tag zum ersten Mal am sogenannten Ice-Dipping nach der Wim-Hof-Methode teilnimmt.

Wim Hof wurde bekannt als „The Iceman“ und ist das große Vorbild der Ice-Dipping-Szene. Der niederländische Briefträger und fünffache Vater ist seit Jugendtagen vom Eiswasser fasziniert. Nach einem Schicksalsschlag soll ihm so ein Kälteschock geholfen haben und er begann mit der Wirkung von Kälte zu experimentieren und fügte nach und nach Atem- und Yogaübungen hinzu.

Heute starten Tausende von Menschen weltweit mit dem Wim-Hof-Ritual in den Tag. Seit einigen Jahren veröffentlicht der Niederländer auch Anleitungen zu den Kältekicks. Die führen zu einer Ausschüttung von Adrenalin, wirken gefäßverengend und entzündungshemmend. Es komme in der Folge zur Vermehrung von Leukozyten, die als weiße Blutkörperchen Bakterien und Viren abwehren können. Durch regelmäßige Kälteeinwirkungen dieser Art werde im Körper das „gute“ braune Fettgewebe aktiviert. Darin werden Glukose und Fettsäuren in Wärme umgewandelt und ungesundes weißes Fettgewebe abgebaut. 

Suche nach den Stressspitzen

Das Konzept des Holländers erinnert in seinen Grundzügen auch ein wenig an die Kneipp-Methode. „Bereits seit der Steinzeit sind unsere Körper darauf ausgelegt, kurzfristige Stressspitzen mit anschließenden langen Ruhephasen zu durchleben. Momente bei der Jagd und die Pausen danach gehörten jahrtausendelang zu unserem normalen Lebensablauf“, sagt Ice-Dipper Simon. In der heutigen Zeit gäbe es diesen Stress- und Ruhewechsel nicht mehr.

Konzept überzeugt

„Wir leben stattdessen unter permanenter körperlicher und emotionaler Belastung“, erklärt er das Geheimnis des guten Gefühls, von dem fast alle Teilnehmer nach den Badegängen berichten. „Ich glaube, ich werde öfters teilnehmen“, sagt auch Irene, die aus Moabit hierher gekommen ist, um die Sache einmal auszuprobieren. „Ich dusche ja jeden Morgen kalt und fühle mich danach viel frischer. Aber dieses Erlebnis übertrifft solche Erfahrungen bei weitem“, erklärt sie. 

Wachsende Beliebtheit

„Im ersten Jahr waren wir vielleicht vier, fünf Leute bei den Badegängen zwischen November und März. Inzwischen kommen samstags immer bis zu zwanzig Teilnehmer hierher“, erklärt der 42-jährige Simon, der beruflich als Unternehmensberater tätig ist und das Eisbaden nach vielen Experimenten mit Körpertrainings für sich vor einigen Jahren entdeckt hat. „Ob junge Leute oder Senioren – bei unseren Terminen sind alle Altersklassen vertreten“, sagt er und empfiehlt, die Teilnahme auch aus Sicherheitsgründen immer in Gruppen.

Mehr Informationen und Terminmöglichkeiten finden sich auf der Internetseitseite der Berliner Icedippers.

Text: Stefan Bartylla, Bilder: Icedippers

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