Kreuzberg testet autofreies Görlitzer Ufer

Görlitzer Ufer Kreuzberg
Görlitzer Ufer Kreuzberg

Wie lässt sich eine Straße nutzen, wenn dort keine Autos fahren und parken? Das wird bis zum Montag am Görlitzer Ufer in Kreuzberg getestet. Anwohner können Ideen für kommende Planungen einbringen.

Das Görlitzer Ufer bleibt bis zum 6. September, um 6 Uhr, komplett für den motorisierten Verkehr gesperrt. Zum Auftakt des Testbetriebs am Donnerstag brachte Felix Weisbrich, Leiter des Straßen- und Grünflächenamt im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg, das Anliegen der Aktion auf den Punkt: „Was fangen wir mit diesem Stück Berlin an?“ Dieses Stück Berlin ist ungefähr 300 Meter lang, liegt zwischen dem Görlitzer Park und dem Landwehrkanal mit dem angrenzenden Grüngürtel und darf von der Wiener Straße aus seit Jahren ohnehin nicht mit Kraftfahrzeugen angesteuert werden. Damit ist es aus Sicht der Verwaltung ein idealer Standort, um zu testen, wo und wie wie der Straßenraum in Friedrichshain und Kreuzberg künftig anders aufgeteilt werden kann. 

Eine Streuobstwiese am Landwehrkanal

Bevor konkrete Schritte geplant werden, läuft bis zum Sonntag eine Realbeteiligung der Bürger. Dafür hat der Bezirk Experten von der der Technischen Universität (TU) Berlin und der Deutschen Umwelthilfe mit ins Boot geholt. Welche Potenziale bietet der Bereich zwischen Park und Kanal für mehr Aufenthaltsqualität und Grünflächen? Wie kann der Bereich in Zukunft besser nutzbar gemacht werden? Wie muss der Verkehr künftig gesteuert werden? Um diese und andere Fragen drehte sich die Ideenwerkstatt mit Anwohner am Freitag. Dabei kam heraus, dass sich viele Menschen wünschen, dass es am Görlitzer Ufer künftig weder Kfz-Verkehr noch Stellplätze gibt. Stattdessen werden eine nutzungsoffene Gestaltung, eine Streuobstwiese, Sitzgelegenheiten, ein besserer Zugang zum Park sowie Sitzgelegenheiten vorgeschlagen.

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Der Diskussionsbedarf ist groß.

Um das persönliche Mobilitätsverhalten abzufragen, werden bis zum 5. September Fragebögen verteilt. Bislang offenbar mit Erfolg: Bis zum Freitagnachmittag waren etwa 130 Fragebögen ausgefüllt. 400 peilen die Initiatoren insgesamt an. Eine vorherige Ergebung des TU-Teams hatte ergeben, dass die Menschen im Wrangelkiez rund zwei Drittel der Wege zu Fuß oder mit dem Fahrrad zurücklegen. Bei Autos sei dies nur bei jedem siebten Weg der Fall. 

Die Spielstraße zieht ans Görlitzer Ufer

Am 4. September macht das Info-Bike „Mobilitätswende“ der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz am Görlitzer Ufer Station. Die Deutsche Umwelthilfe organisiert zwischen 12.30 und 16.30 Uhr Vorträge und Diskussionen zum Thema. Am 5. September zieht die Spielstraße aus dem Wrangelkiez einmalig ans Görlitzer Ufer. Kinderunterhaltung bieten zudem ein Puppentheater, ein Kindertheater und eine Kinderband.

„Das Görlitzer Ufer kann mehr“: Diese Kreideinschrift zierte das Görlitzer Ufer am ersten Tag der Realbeteiligung. Kinder tobten mit Bällen übers Straßenpflanzen, während ihre Eltern eifrig auf Bierbänken diskutierten: willkommen im Kreuzberger Bullerbü, möchte man meinen. Für Weisbrich geht es hingegen um dringliche Zukunftsfragen. „Unsere Straßen und öffentlichen Flächen sind immer mehr Bedarfen ausgesetzt, einer davon ist der Autoverkehr“, sagte er.  Es gebe aber noch viele andere: den Rad- und Fußverkehr, aber auch zusätzliche Sickerflächen für Regenwasser – der Klimawandel lässt grüßen.

In Kreuzberg fehlen Spielflächen

Hinzu komme das Problem. dass der dicht besiedelte Bezirk gerade mal über 0,7 Quadratmeter Spiel- und Bewegungsfläche pro Einwohner verfügt, die berlinweite Maßgabe liege aber bei einem Quadratmeter. Unabhängig davon müsste das Görlitzer Ufer auch künftig von Einsatzfahrzeugen befahren werden können. „Dass die Straße zur grünen Wiese wird, ist eher unwahrscheinlich“, so der Amtsleiter.

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An Ideen für das Görlitzer Ufer herrscht kein Mangel.

Was auch immer die Realbeteiligung ergibt: Das Bezirksamt werde die Vorschläge bis zum Ende dieses Monats prüfen und dann mit den Planungen beginnen. Die Eckpunkte sollen im Umweltausschuss der Bezirksverordnetenversammlung diskutiert und im Rahmen einer Onlinebeteiligung der Öffentlichkeit vorgestellt werden.

CDU-Abgeordneter Wansner: Bezirk muss Wünsche der Anwohner berücksichtigen

Der Kreuzberger CDU-Abgeordnete Kurt Wansner ist skeptisch, dass am Görlitzer Ufer wirklich Schritte ergriffen werden, die im Sinne der Nachbarschaft sind. Wansner, dem von den Grünen dominierten Bezirksamt seit Jahren in inniger Abneigung verbunden, beruft sich auf Straßenpoller zur Verkehrsberuhigung in der Samariterstraße in Friedrichshain, und den Umbau der Bergmannstraße in Kreuzberg. Zur laufenden Realbeteiligung sagt er: „Am Ende geht es darum, das Votum der Anwohner zu berücksichtigen und umzusetzen. Zu oft hat der Bezirk gegen den Willen der Anwohner agiert.“

Wansner sei nicht gegen Verkehrsberuhigung an sich, aber sie müsse gut koordiniert und mit den Betroffenen abgesprochen werden. „Die Sperrung des Görlitzer Ufers dürfte allerdings keine allzu gravierenden Auswirkungen haben, da es sich um eine verkehrsarme Straße handelt.“

Datum: 4. September 2021, Text und Bilder: Nils Michaelis