Der Schleimpilz ist schlau ohne Gehirn

Der Schleimpilz ist der Einzeller des Jahres 2021.

Der Einzeller des Jahres ist der Schleimpilz, dem Intelligenz nachgewiesen wurde. Als größter Einzeller der Welt hat er es ins Guinness-Buch der Rekorde geschafft. 

Die Deutsche Gesellschaft für Protozoologie hat den Schleimpilz zum Einzeller des Jahres 2021 gekürt. Physarum polycephalum, so der wissenschaftliche Name, hat sich im Guinness-Buch der Rekorde einen Platz als größter Einzeller der Welt erobert. Außerdem ist er der bekannteste und in den Laboren von Zellbiologen meistkultivierte Vertreter seiner Art. Grund genug, diesen spannenden Einzeller in unserer Serie „Naturwesen des Jahres 2021“ einmal genauer zu untersuchen.

Ganz besonders

Die Netzwerke der Schleimpilze weisen einige wirklich besondere und bemerkenswerte Leistungen auf. Dies betrifft speziell die Fähigkeit, „intelligente“ Lösungen zu entwickeln. Zum Beispiel, um optimale Wege zum Wachsen zu finden. Sie können dabei Hindernisse umgehen oder Gefahrenquellen vermeiden.

Sie können sich auch erinnern, wo sie letztens Nahrung gefunden haben, um sich dorthin zu begeben. Die aus Experimenten mit dem Schleimpilz entwickelten Algorithmen bieten sogar Anhaltspunkte für technische Lösungen, zum Beispiel für ein integriertes Schaltungsdesign oder Verkehrsplanungen im Straßen- und Schienennetz.

Für den Unterricht an Schulen gibt es extra Schleimpilz-Sets für Experimente, zum Beispiel zum chemisch gesteuerten Verhalten in Labyrinthen und zu weiteren Phänomenen. Denn im Jahr 2000 konnte nachgewiesen werden, dass Physarum polycephalum den kürzesten Weg zwischen zwei Punkten im Irrgarten finden kann. Und wer es mag: Gegrillte oder gebratene Einzeller des Schleimpilzes Fuligo septica werden in Mexiko als Delikatesse unter dem Namen „caca de luna“ (Mondkacke) verzehrt.

Weltweit am größten

Der Schleimpilz hat es ins Guinness-Buch der Rekorde geschafft. Als größter Einzeller der Welt. Denn kein einzelliges Lebewesen auf der Welt wächst auch nur ansatzweise an die Größe eines Schleimpilzes heran. Vor allem dann nicht, wenn in einem Labor ein überdimensionales Exemplar gezüchtet wird. So wie im Jahr 1987.

Zum Ruhestand des bekannten Forschers Karl-Ernst Wohlfarth-Bottermann wurde der Schleimpilz an der Universität Bonn in Form eines „W“ herangezogen – fünfeinhalb Quadratmeter groß. Das ist schon eine beachtliche Größe, wenn man bedenkt, dass die Art normalerweise 50 oder 80 Zentimeter groß wird.

Schleimpilz in der Forschung

Biologen lieben den Schleimpilz. Er ist das perfekte Forschungsmodell. Zwar verfügt er nur über eine Zelle, aber über mehrere Zellkerne und unzählige Leitungsbahnen. In diesen, so hat man festgestellt, schlägt sich nieder, wo es etwas zu futtern gibt. Schleimpilze vereinigen in sich Merkmale von Pilzen (also die Bildung von Fruchtkörpern) und von Tieren (also den Besitz beweglicher Geschlechtszellen). Sie sind aber mit beiden nicht direkt verwandt.

Von einem anderen Planeten

Schleimpilze besiedeln verrottendes Holz und die Fruchtkörper von Pilzen. Man findet sie auch in Berlin vereinzelt, zum Beispiel im Grunewald. In Dallas (Texas, USA) überfiel im Jahr 1973 eine Horde Schleimpilze die ganze Stadt, belagerte Laternenpfähle und kroch in Gärten. Sie tauchten wie aus dem Nichts auf und versetzten Anwohner in Angst und Schrecken. Die dachten nämlich, es wären Lebewesen von einem anderen Planeten.

Datum: 20. August 2021, Text: Sara Klinke, Bild: IMAGO / imagebroker