Wie die Berliner Hufeisensiedlung zum Modell wurde

Hufeisensiedlung Berlin
Hufeisensiedlung Berlin

Die Hufeisensiedlung in Britz gilt als wegweisendes Projekt im sozialen Wohnungsbau. Das Vorzeigeprojekt des Neuen Bauens im Bezirk Neukölln zählt seit seit 2008 zum Welterbe der UNESCO.

Der Berliner Rapper Sido widmet seinen Song „Mein Block“ dem rauhen Leben im Märkischen Viertel. Christiane F. aus „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ wuchs in der Gropiusstadt auf und machte diesem Areal schon mit dem ersten Satz im Film „Nur Pisse und Kacke hier“ wenig Komplimente.

Viele Menschen auf wenig Raum, kaum kulturelle Angebote, Dreck und Kriminalität – das Image von Großwohnsiedlungen ist schmuddelig. Pauschal gesehen. Denn wer sich auf einen Spaziergang durch die Großwohnsiedlungen unserer Stadt einlässt, wird hier und da architektonische Schätze und Besonderheiten entdecken. Die Hufeisensiedlung im Neuköllner Ortsteil Britz zum Beispiel, entstanden nach den Plänen des Architekten Bruno Taut, steht noch heute, fast 100 Jahre nach ihrer Entstehung, für architektonische Innovation.

Die Hufeisensiedlung: Wohnen im Bogen

Wir starten unseren Spaziergang durch die Hufeisensiedlung an einem milden Frühlingstag an der Infostation, Fritz-Reuter-Allee 44. „Wegen der Corona-Pandemie bis auf Weiteres geschlossen“, steht an der Tür, hinter der es sonst Informationen zur Siedlung und sogar Kaffee und Kuchen gibt. Auf dem Platz davor ist Ruhe und Frieden, nur ein paar neugierige Besucher stehen mit Fotokameras auf der Hufeisentreppe und blicken auf den Hufeisensee, in dem sich die Wohnblöcke fast schon romantisch spiegeln.

Warum die Hufeisensiedlung heißt, wie sie heißt, wird spätestens jetzt deutlich. Über 350 Meter erstreckt sich der zentrale Wohnblock bogenförmig vor dem Betrachter. Jede der hier angelegten Wohnungen hat ihren eigenen Blick ins Grüne und auf den Pfuhl, der aus der Eiszeit stammen soll. Mit 3,9 Millionen Einwohnern war Berlin Anfang des 20. Jahrhunderts nach New York und London die drittgrößte Stadt der Welt mit katastrophalen Wohnverhältnissen. Schnell musste erschwinglicher Wohnraum her, der die Lebensbedingungen der Menschen verbesserte.

Manifest für das Neue Bauen

Im Jahr 1924 wurden große Teile des ehemaligen Ritterguts Britz von der Stadt Berlin aufgekauft und los ging das große Bauen. Insgesamt entstanden mit der Hufeisensiedlung unter der Federführung von Bruno Taut in sieben Bauabschnitten innerhalb von fünf Jahren (1925 bis 1930) 1.964 Wohneinheiten – knapp 1.300 Wohnungen mit meistens eineinhalb bis zweieinhalb Zimmern, dazu noch 700 als Reihenhäuser.

Die Kernfigur, das Hufeisen, wurde als Manifest für das Neue Bauen verstanden. Dabei sollte die technische Rationalisierung nicht kaschiert, sondern betont werden. „Das Einzelne wie das Ganze erhält seine Form aus dem Sinn, den es hat“, so Bruno Taut 1929. Er setzte auf kräftige Farben als billigstes Gestaltungselement, sowohl innen als außen sowie vor- und rückspringende Hausgruppen, um dem Areal Individualität zu verleihen. Die Wohnsiedlung setzte weltweit Maßstäbe und wurde 2008 in die prestigeträchtige UNESCO-Welterbeliste aufgenommen.

Großsiedlung und Gartenstadt im Berliner Süden

Der Spaziergang entlang der strahlenförmig angelegten roten Reihenhäuser findet seinen Höhepunkt, als sich herausstellt, von welch prächtigem Grün wir hier umgeben sind. Vorbei geschlängelt an der Fritz-Karsen-Gesamtschule tauchen wir schnell ein in die Fennpfuhl-Parkanlage Britz mit ihrem kleinen Teich. Dann einmal die Onkel-Bräsig-Straße passiert, schließt sich das Akazienwäldchen an, in dessen Nachbarschaft sich der hinduistische Murugan Tempel bunt und leuchtend an der sonst eher grauen Blaschkoallee (mit U-Bahnstation übrigens) präsentiert. Einen Spaziergang ist all dies allemal wert.

Datum: 22. April 2021, Text und Bild: Sara Klinke