Verborgenes Berlin: Mehr ein Tempel als ein Grab

Verborgenes Berlin
Verborgenes Berlin

Auf den Berliner Friedhöfen warten historische Schätze. Unser heutiger Streifzug zu verborgenen Perlen führt auf den Friedhof I der Georgen-Parochial-Gemeinde an der Greifswalder Straße in Prenzlauer Berg.

Die Grabstätte der Familie Pintsch im Zentrum der Anlage ist ein mächtiger und in seiner Gestaltung als ein in Ruinen liegender griechischer Tempel sehr überraschender Bau. Julius Carl Friedrich Pintsch (1815-1884) und seine Nachfahren sind heute etwas in Vergessenheit geraten. Zu Lebzeiten zählten sie zu den produktivsten und18 schillerndsten Gestalten der Industriellen Revolution.

Antikes Athen stand Pate 

Das vom Athener Parthenon inspirierte Familiengrab umfasst zwölf dorische Säulen, die vermutlich die zwölf Apostel Jesu symbolisieren. In Anbetracht der Vorliebe der Familie für die Antike wäre allerdings ebenfalls denkbar, dass sie für die zwölf Sternzeichen oder aber die zwölf Monate des Jahres als Strukturgeber der Zeit stehen.

Die Grabstätte ist zu drei Seiten hin durch die Säulen sowie nach oben geöffnet. Auf der Rückseite steht als abschließende Wand eine Kalksteinmauer, auf der in zwei Tafeln die Namen der hier Bestatteten eingeschrieben sind. Über jeder Tafel befindet sich ein steinerner Lorbeerkranz und zwischen ihnen ein Relief in Form einer langen Lorbeergirlande. Im Tympanon erkennt man einen Krug voller Früchte, zum Gedenken an die ruhmreiche Vergangenheit und die zahlreichen Errungenschaften der Familie.

Direkt neben dem Eingang zur Heinrich-Roller-Straße hin liegt das faszinierende Grab der Familie Riedel. Es zeigt eine der umfangreichsten Allegorien der Auferstehung, die auf Berliner Friedhöfen zu finden sind. Die sehr dynamische Darstellung ist ein Meisterwerk des Berliner Bildhauers Rudolf Schweinitz (1839-1896) und entstand in den 1880er-Jahren nach einem Entwurf von Johannes Länge.

Triumphaler Einzug in Jerusalem

Zwischen den dorischen Säulen der Ruinen eines griechischen Tempels hebt ein Engel die schwere Platte eines Sarkophags an und enthüllt dem Betrachter den Blick auf das leere Innere, während das Leintuch, das rätselhafterweise auf dem Deckel lag, zu Boden gleitet.

Ein kleiner, auf einer Stufe am Fuße des Sarkophags sitzender Putto wendet sich im selben Moment um. Er betrachtet den Engel mit perplexem Blick, während an der Spitze der Fackel, die zum Zeichen der Trauer erloschen war, wieder eine Flamme aufflackert.

Ein Palmblatt zu seiner Rechten verweist auf den triumphalen Einzug Jesu in Jerusalem, Vorzeichen seines endgültigen Sieges über den Tod, sowie auf sein an der Rückwand der Grabstätte in einer Inschrift verewigtes Versprechen (Johannes 17,24): „Vater, ich will, dass, wo ich bin, auch die bei mir seien, die du mir gegeben hast.“

Glorreiches Leben im Jenseits

Im Hintergrund, geschützt unter einem angedeuteten, auf eine fiktive Außenwelt hin geöffneten Gewölbetympanon, ist in einem farbenfrohen Mosaik ein von Sternen umrahmter Sonnenaufgang dargestellt. Das in den Schlussstein eingearbeitete Schmetterlingsrelief steht für den Aufbruch in ein neues, glorreiches Leben im Jenseits. Seitlich des Gewölberunds sind zwei Palmen dargestellt, seit der Antike Symbol des Sieges. Im christlichen Kontext stehen sie für den Triumph über den letzten Feind, den Tod.

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Verborgenes Berlin
Jonglez Verlag
464 Seiten
19,95 Euro
www.jonglezverlag.com

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Datum: 19. Februar 2021, Text: red, Bild: Thomas Jonglez